Full text: (Neueste Folge, Band 6 = 1837, No 17-No 24)

X. Pathologie, Therapie und medicinische Klinik, 
wahre, hauptsächlich aus dem engen Gesichtspuncte der starren 
Solidarpathologie hervorgegangene Ansicht ist einer der gefähr« 
lichsten Irrthümer, hat sich aber schon seit mehreren Genera- 
tionen vieler Aerzte 80 bemeistert, dass es vielleicht noch eines 
Menschenalters bedürfen wird, um sich von seinen Fesseln ganz 
Jos zu machen. Die nicht aus Büchern und Journalen , sondern 
aus selbstständigen, vieljährigen Beobachtungen geschöpfte Uez 
berzeugung des Verfs, besteht in Folgendem: um zuerst einen 
richtigen Standpunct zu gewinnen, muss man erwägen, dass es 
sehr verschiedene Grade, sowohl des entzündlichen, als typhö- 
sen Zustandes giebt und dass man daher die Begriffe beider im 
engern und weltern Sinne zu uuterscheiden hat. Dann bedenke 
man, dass der entzündliche Zustand allgemein und örtlich 
seyn und dass eben so gut Einer ohne den Andern, als Beide 
vereinigt vorkommen können, Der 1yphöse Zustand dagegen 
ist immer nur ein allgemeines Leiden und dies ist der erste 
Punct, in Ansehung dessen der Antagonismus zwischen ihm 
und dem entzündlichen nicht durchgeführt werden kann. Der 
entzündliche Zustand im weitesten Sinne besteht in Steige- 
rung der plastischen Lebensfähigkeit über den Grad hinaus, der 
in Jedem Zeitpuncte zur Erreichung der Lebenszwecke nöthig 
ist, wobei zugleich Tendenz zur Erzeugung: neuer, organischer 
Bildungen obwaltet. Er kann allgemein, oder örtlich, 
oder beides zugleich seyn. Der allgemeine Entzündungszu- 
stand hat mit dem Fieber die allgemeinen Erscheinungen des 
letztern: Frost, Hitze, Beschleunigung des Blutumlaufs, erhöhte 
Reizempfindlichkeit, typische Ab- und Zunahme und Entschei- 
dung durch Crisen gemein, unterscheidet sich aber von ihm 
nicht sowohl durch höhern Grad dieser Erscheinungen , als viel- 
mehr und hauptsächlich durch erhöhte Plasticität des Faserstoffs 
im Blute, Jedes Fieber kann durch innere oder äussere, epide= 
wische oder individuelle Veranlassungen bis zum Entzündlichen 
gesteigert werden und ein so enstandenes Entzündungsfieber ist 
nichts, als höhere Potenz irgend eines andern Fiebers. Reiz- 
fieber ist an und für sich noch kein Entzündungsfieber, geht 
aber in den entzündlichen Zustand über, wenn entzündliche 
Anlage vorhanden, oder Summe und Mächtigkeit der Reize un- 
verhältnissmässig gross ist. Aus gleichen Ursachen kommt oft 
entzündlicher Zustand zu den wesentlichen Fiebern, am häufig- 
sten zum ersten Stadium derselben und hemmt oder unterbricht 
ihre natürliche Entwickelung, die nicht eher eintritt oder fort- 
schreitet, als nachdem der entzündliche Zustand gehoben ist. 
Beim Zehrfieber endlich bewirkt Hinzutritt eines entzündlichen 
Zustandes, so lange dieser anhält, Modification oder selbst 
Stillstand, nach Entfernung aber schnelleres Fortschreiten der 
zerstörenden Thätigkeit, In allen diesen Fällen ist also der ent- 
zündliche Zustand nicht die Krankheit selbst » sondern in Be- 
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