Full text: (Neueste Folge, Band 5 = 1837, No 9-No 16)

164 MI. Chirurgie und Ophthalmologie, 
an dreiviertel Zoll klaffende Wunde in den Weichtheilen be- 
kommen, welche in die Mundhöhle penetrirte. Die Zunge war 
nach der linken Seite hin tief verwundet‘ und der Knabe hatte 
überdies noch beide Röhren des rechten Vordarmes, ohngefähr 
in der Mitte; gebrochen. Kiner sehr heftigen Blutung halber, 
welche die Wunde unter dem Kinne verursachte, war ich zu- 
wörderst gezwungen, einen Ast der Art, sublingualis zu unter- 
binden, worauf ich zunächst den abgebrochenen Körper der 
Unterkinnlade reponirte, was mir. mit vielem Glücke gelang; 
hierauf legte ich einen zweckmässig geformten Keil aus Kork- 
holz geschnitten unter die Zunge, um nach Möglichkeit zu 
verhindern, dass der abgebrochene Körper der Kinnlade, durch 
die Wirkung. der Muskeln, wieder nach hinten zurücktreten 
kunnte, ich heftete dann die Wunde unter dem Kinne mit 
einem blutigen Hefte und Heftpflastern, verband die Beule und 
Wunde an der Stirn mit der Mütze des Hippocrates und die 
Kinnlade mit einer Funda maxillar. Nun erst konnte ich den 
gebrochenen ‘ Vorderam einrichten (Fractura Ulnae et radi 
simplex) und auch hier einen . zweckmässigen Verband an- 
legen, was in möglichster Kürze und nach den Regeln der Kunst 
geschah, Nachdem dieses geschehen war, wurde der Kuabe 
auf sein Lager gebracht, der Kopf ziemlich hoch nach vorn 
gebogen, doch so bequem als möglich, und der Arm neben dem 
Körper auf ein Strohkissen gelegt. Von der verletzten Zunge 
und dem Zahnfleische, su wie aus den zerbrochenen Zahnhöh- 
Icn wurde noch immer viel Blut in den Mund ausgeleert, was 
der Knabe von Zeit zu Zeit über die Unterlippe aussprudelte, 
weshalb ich den Mund oft mit Oxycrat ausspritzen liess und 
dadurch die Blutung aus den letztgenannten Theilen nach eini- 
ger Zeit zu stillen das Glück hatte. Vor meiner Ankunft und 
bis zur Unterbindung der Art, süblingual. hatte der Kranke 
ziemlich viel Blut verloren, da er, wenn die Umstehenden 
durch Druck auf die Wunde von aussen das Bluten verhindern 
wollten, das Blut durch den Mund auswarf. Unter: diesen Um- 
ständen, besonders aber, da der Knabe überhaupt kein genähr- 
tes, vollsaftiges Kind war, glaubte ich, dass ein Aderlass, der 
bei einer so starken Erschütterung des Kopfes eigentiich wohl 
angezeigt war, nicht nöthig sei. Dennoch fand ich bei meinem 
Abendbesuche die innern Theile des Mundes und Rachens, be- 
sonders aber die Zunge, so entzündet, schmerzhaft und geschwol- 
len, dass der Knabe nicht nur kein Wort sprechen; viel we- 
niger aber etwas von Speisen und Getränken zu sich nehmen 
konnte, Sein leises Wimmern und Stöhnen gab mir nur zu 
deutliche Kunde, von welchen Schmerzen der Aermste gefoltert 
wurde, am meisten jedoch schien ihn der Durst zu peinigen, 
wie er mir durch Zeichen mit dem gesunden Arme zu verste- 
hen gab. Er hatte dabei bedeutendes Wundfieber, was der
	        
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