Full text: (Neueste Folge, Band 4 = 1837, No 1-No 8)

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V. Psychiatrie. 
dem Criminalgerichte zurückgeben. Von nun fehlte es nicht 
an Irrereden und tobsüchtigen Anfällen, die etwa 10 Tage an- 
hielten und zu unbestiiumten Zeiten wiederkelirten. Am si 
chersten konnte man auf Anfälle rechnen nach dem Besuche 
der Criminalärzte, die auf die vom Verf. im Gutachten ausge 
sprochene Ansicht, dass der periodischen Manie des Inquisiten 
höchst wahrscheinlich Verstellung zum Grunde liege, oft ihre 
Besuche wiederholten. In den freien Zwischenzeiten lag er 
gewöhnlich brütend auf seinem Lager, war karg im Antwor 
ten und Hess bisweilen den Wärter hören, dass er es im Ir 
renhause satt habe, die Aerzte verfolgten ihn und er werde 
wenn ihm der Wille nicht erfüllt werde, Einem oder dem 
Andern den Garaus machen; das Leben habe er ja so ver 
wirkt UDd mehr als ein Leben könne man ihm doch nicht 
nehmen. So trieb er es bis im Sommer 1829, wo S. eines 
Tags bei der Visite bemerkte, dass unter seinem Bette 
ein Nachttopf stand. Der darüber zur Verantwortung ge 
setzte Wärter entschuldigte sich damit, dass Inquisit ihn drin 
gend darum gebeten und dass er, seit er denselben habe, sehr 
ruhig und still sei. Der Verf. bestand darauf, dass ihm das 
Gelass genommen werde und sagte, dass es bis morgen in den 
Händen des Wärters seyn müsse. Am nächsten Morgen be 
richtete der Wärter, dass es unmöglich gewesen sei, den Auf 
trag zu erfüllen: er habe mehrere Wärter zusammengenommen, 
doch Keiner habe es gewagt, sich dem Inquisit zu nahen. 
Als S. zu der mit eisernem Gitterfenster versehenen Thür sei 
ner Kammer kam, wiederholte er den Befehl, worauf Inquisit 
wtithend vom Bette aufsprang, mit Blitzesschnelle die Bett 
stelle zertrümmerte und mit einem Stücke derselben in der 
Faust Jedem den Tod drohte, der ihm nahe. Sogleich liess 
S. die Thür ölfnen, schritt rasch dicht auf ihn zu und befahl 
dem nachkommenden Wärter mit starker, fester Stimme den Topf 
weg zu nehmen, was auch geschah. Nicht wagend den Blick 
aufzuschlagen, knirschend mit den Zähnen und die Lippen ver 
beissend, liess sich Inquisit widerstandlos festnehmen und in 
ein anderes Gemach führen. Auf Aufforderung des Verfs., 
ihm die Zwangjacke anzulegen, erwiederte er: dass er ein 
Verbrecher sei, dass ihm Ketten gehörten und dass er diese 
haben wolle. Als Strafe wurde ihm Diät auf einige Tage an 
gewiesen, allein er verschmähte Alles, weil er sagte: man 
wolle ihn vergiften, oder man gebe ihm Menschenfleisch und 
Suppe von Menschenfleisch etc. So brachte er fastend volle 3 
Wochen zu. In der ersten Woche liess S. ihn trotzen, in der 
zweiten wandte er die gewöhnlichen Mittel, einen mit Willen 
Fastenden zum Essen zu bewegen, an; in der dritten Woche, 
als die Kräfte sichtlich abnahmen und sich um ihn der eigen- 
thümliche hässliche Geruch von der s. g. Iluugerschärfe ein-
	        
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