Full text: (Neueste Folge, Band 4 = 1837, No 1-No 8)

456 I. Pathologie, Therapie und raedfcinische Klinik. 
nicht fürchten, sich in der Diagnose geirrt zu haben und ist 
man dann des Tadels vverth, wenn man unter solchen Umstän 
den vermuthet, es wohl auch ausspricht, dass doch wohl orga 
nische Entartung in modo sei ? die Prognose daher zweifel 
haft und ungünstig zu stellen sei? Gewiss nicht. Aber nichts 
desto weniger ist es Pflicht, solche Vermuthungen nicht gleich 
als ausgemachte Wahrheit hinzustellen, iin Gegentheile muss 
man sie zum Heile des Kranken immer von Neuem einer schar 
fen Kritik unterwerfen, damit man nicht in Fortsetzung der 
Cur ermüde, ja gelähmt werde und in der Ueberzeugung, dass 
Heilung ausser den Gränzen der Künste liege, sich bloss auf 
Palliativmittel beschränke und von Anwendung solcher Mittel 
ganz abstehe, von denen nach besonnen aufzusuchender Indica- 
tion doch noch günstige Wirkung zu erwarten seyn dürfte. 
Hierzu einige Belege aus der Erfahrung: I. Die Frau eines 
Tischlers, 42 Jahr alt, Mutter mehrerer gesunder Kinder, regel 
mässig menstruirt, von hagerem, schwächlichem Baue, litt seit 
mehreren Jahren an Cardialgie durch Erkältung und vielen 
Aerger. Die Anfälle kamen alle 8 oder 14 Tage und seltener, 
oft nach ganz geringfügigen Ursachen und waren immer mit 
sehr schmerzhaftem, gewaltsamem Erbrechen verbunden, wo 
durch Alles, was Pat. im Magen hatte und oft die bereits vor 
mehreren Tagen genommenen Speisen mit Schleim, Wasser und 
Galle vermischt ausgeleert wurden. Nach und nach traten solche 
Anfälle immer häufiger ein, bis endlich Pat. täglich mehrmals 
und beinahe nach allen Nahrungsmitteln bald mit mehr, bald 
mit weniger Schmerzen brechen musste und dadurch höchst er 
schöpft wurde. Die Kranke wendete sich an einen berühmten 
Arzt, der ein sehr sorgfältiges, von leichtern zu kräftigen Mit 
teln fortschreitendes Heilverfahren einschlug, das jedoch 7 Mo 
nate hindurch nur temporäre Milderung, aber keine dauernde 
Heilung bewirkte, worauf er dem Manne die Besorgniss aus 
sprach , dass doch wohl ein organischer Magenfehler zugegen 
und die Krankheit unheilbar seyn dürfte. Dies bewog Pat. auf 
die Bitten einer Verwandtin in Berlin zu hören, die B- von 
inveterirter Cardialgie befreit hatte und sich seiner Behandlung 
anzuvertrauen. Sie kam also nach Berlin und wurde auch 
gleich von heftigem Magenkrampf und Erbrechen befallen. 
Man rief den Verf. und dieser fand Pat. so leidend, dass er 
kein gründliches Examen anstellen konnte, sondern sich damit 
begnügen musste, zur einstweiligen Beschwichtigung der Be 
schwerden, ein Brausepulver mit 1 Gr. Extr. Htjosc. zu ge 
ben. Das erste Pulver wurde wieder ausgebrochen, das zweite 
behielt aber die Kranke bei sich, Brechen und Schmerzen Hes 
sen nach und sie legte sich sehr erschöpft zu Bette. B. ver- 
ordnete, dass ihr alle 2 Stunden eins der Pulver fortgegeben 
werden sollte. Die Kranke brachte ein ganzes Paket Recepte 
mit. Pot. River., Brausepulver, JSarcot, JServin. t namentlich
	        
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