Full text: (Neueste Folge, Band 4 = 1837, No 1-No 8)

386 I. Pathologie, Therapie und inedicinische Klinik. 
angegriffen, doch nicht eigentlich cachectiseh. Sie ist Blondine, 
ihr Körperbau und ihre Constitution kräftig; Stuhlgang und 
Menstruation waren in Ordnung. Auf die Frage über das Ent 
stehen dieses furchtbaren Uebeis berichtete sie mir: sie habe 
im 3ten Jahre ihrer Verheirathting, nachdem sie als Kind, als 
Jungfrau, und bis dorthin als Mutter von zwei gesunden, selbst- j 
genährten Kindern, stets der blühendsten Gesundheit genossen 
habe, ziehende Schmerzen in den Beinen, ein allgemeines Uebei- 
belinden, und bald darauf, aber ohne Nachlass dieser Besch« er 
den, kleine, juckende Knötchen an den Unterschenkeln bekom 
men, und zur muthmasslichen Beseitigung dieses Unwohlseins 
ein hitziges Schwitzmittel aus Rum und ähnlichen Ingredienzen ■ 
genommen. Darauf habe sich das allgemeine Uebelbelinden . 
liebst den Knötchen an den Unterschenkeln verloren, aber ein 
über den ganzen behaarten Kopf und den obern Theil der Stirn 
verbreiteter, stark nässender und eiternder Ausschlag eingestellt. 
Ein geachteter Wundarzt in der Nachbarschaft, den sie zu 
Ratlte gezogen, habe ihr zu dessen Beseitigung schmale, stark 
klebende Pflasterstreifen aufgelegt und ihr gesagt, dass diese 
die Haarwurzeln ausziehen müssten, auch als sie nach längerem 
Liegen von ihr nicht abgenommen werden konnten, dieselben 
mit den grössten Schmerzen für sie abgezogen, dann ihr aber 
zur schnellen Beseitigung des ’Ausschlags eine weisse Salbe ge 
geben. Innerliche Mittel ihr zu geben, habe er wegen des 
Kindes, mit dein sie schwanger ging, für gefährlich und über 
haupt nicht für nöthig erklärt. Darauf sei allerdings in der 
kürzesten Zeit der Kopfausschlag geheilt, aber bald nachher 
sey eine schmerzhafte Geschwulst der Ilalsdtüsen mit Athmungs- 
sogar Erstickungsgefahr, und dann innere Eiterung der Mandeln 
eiogetreten; sie sei nachher heiser geworden, habe Schmerzen 
int Halse und Beschwerden beiin Schlingen bekommen. Ein 
damals vorzüglich für geheime Uebel vielfach begehrter Bader, 
den sie nun befragte, habe das Uebel für venerisch erklärt. 
Da jedoch die ihr zu zwei verschiedenen Malen gereichten 
Mittel das Uebel um "Vieles verschlimmerten, habe er seinen 
Ausspruch widerrufen, und sie zu einem Arzt verwiesen. Doch 
auph jetzt hatte sie einen Quacksalber vorgezogen, und nun 
erst, da sie von dessen Unkenntniss und völliger Unfähigkeit 
überzeugt worden, suchte sie bei mir Hülfe. Sie hatte im Laufe 
der Zeit ein gesundes Kind geboren, dasselbe aber nicht lange 
gestillt. Obschon mich das Aussehen der eiternden Fläche be 
lehrte, dass der Character nicht syphilitisch sei, so überzeugte 
icli mich doch auch auf anamnetisclien Wege davon; sowohl die 
glaubwürdige Beantwortung meiner desfalls an sie gerichteten 
Fragen, als auch die genaueste Besichtigung der Geschlechts- 
und der benachbarten Theile mussten den Verdacht einer sy 
philitischen Ursache als völlig unbegründet fallen lassen. Doch 
erschien eben dadurch der Fall fast nur uni so trostloser und
	        
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