Full text: (Neueste Folge, Band 4 = 1837, No 1-No 8)

250 III. Chirurgie und Ophthalmologie. 
und ermuthigte sie, nach dem Menschen zu greifen, damit sie 
erkenne, dass sie sich dies nur einbilde. Nachdem man sie 
hierzu gebracht, überzeugte sie sich auch ganz von ihrer Täu 
schung, doch bestand trotzdem die Hallucination fort. Ging 
sie auf die Erscheinung zu, oder wollte sie nach derselben 
greifen, so wich das Phantom einige Schritte von ihr weg und 
so währte dies länger, als eine halbe Stunde, wo sich dann 
das Zittern verlor und das Bild verschwand. Anfälle der Art 
stellten sich nun täglich 2 bis 3 Mal zu unbestimmten Zeiten 
ein und die Bewegungen des Körpers und der Extremitäten, 
die Anfangs nur heftig zitternd waren, wurden nach und nach 
immer mehr den bekannten Bewegungen der Chorea ähnlich, 
erschienen aber stets nur periodisch und im Vereine mit dem 
Phantasma. Dazwischen schien das Kind gesund, man bemerkte 
durchaus keine geistige Störung, nur fürchtete es sich vor künf 
tigen Anfällen und schien etwas an Munterkeit und Appetit zu 
verlieren. Etwa 14 Tage nach dem ersten Anfälle wurde B. 
befragt, konnte auch einige Male bei dem Anfalle zugegen 
seyn. Die Frage: ob sie den Mann auch schreien und sprechen 
höre, oder sonst etwas dabei vernehme, verneinte das Mäd 
chen ganz. Um zu erfahren, ob mehr das peripherische, oder 
das Centralende des Sehnerven bei Hervorrufung dieser phan 
tastischen Erscheinung thätig sei und in wiefern sie sich allen 
falls momentan durch andere dazwischen tretende Gesichtsob-. 
jecte unterdrücken lasse, stellte B. folgende Versuche an: er 
liess Pat. einige Male auf die Erscheinung zugehen bis gegen 
die Wand und fragte nun, ob sie den Menschen auch noch 
durch die Wand erblicke? dies war aber nicht der Fall. Trat 
das Mädchen bis auf einen Schritt vor die Wand, so ver 
schwand die Erscheinung. Trat sie hingegen bis dicht vor ein 
Fenster, so floh die Erscheinung hinaus und sah sie durch das 
Fenster an. Blickte sie in einen Spiegel, so sah sie die Er 
scheinung nicht, sondern ihr eigenes Bild. Trat Jemand zwi 
schen sie und die Stelle hin, wo der Mann stehen sollte, so 
sah sie ihn theilweise, in soi'ern er nicht von der dazwischen 
getretenen Person bedeckt wurde. Stellte sich Jemand gerade 
dahin, wo das Scheinbild stand, so verschwand dieses das eine 
Mal ganz, doch stellte es sich ein anderes Mal auch seitwärts 
— Alles zum Beweise, dass das Phantasma mehr vom Central- 
theile des Sehnerven ausging und dass die Urtheilskraft der 
Kranken durchaus nicht gelitten hatte und so stark war, dass 
sie im erstem, unmöglichen Falle des Sehens der Erscheinung 
durch die Wand die Existenz des Scheinbildes sogar vernich 
tete; im zweiten, sehr möglichen Falle aber des Sehens der 
Erscheinung durch das Fenster dem Scheinbilde sich unwillkür 
lich wieder unterwarf. Im Spiegel wirkte der Anblick der 
eigenen Gestalt so bedeutend auf das Mädchen, dass das Scheiu-
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.