Full text: (Neueste Folge, Band 4 = 1837, No 1-No 8)

I. Pathologie, Therapie und medicinische Klinik. 7 
vollen Kenntniss der wahren Nothwendigkeit ihres Einschreitens. 
Und dies möchte besonders in jetziger Zeit höchst wiioschens- 
werth seyn, wo der Arzt iu eine solche Blasse von Ansichten 
und Mittel versenkt ist, dass es ihm wohl thun muss, etwas 
von seinem vermeintlichen Reichthume abzuwerfen. — Wie 
man neulich dem Scharlach nachgesagt hat, dass er seinem We 
sen und Seyn, seiner Bedeutung nach etwas durchaus Unbegrif- 
f'enes sei, so könnte man auch der Fcbris erysipelaiosa den 
selben Vorwurf machen. Auch bei der Gesichtsrose ist kein 
Symptom immer und in jedem Falle dasselbe; die Rothe ist auf 
das verschiedenste modificirt, Nervenzulälle, Entzündung der 
Mandeln, aphthöser Ueberzug des Schlundes und gastrische Be 
schwerden fehlen oft und oft sind sie nur im geringen Grade 
zugegen und das Fieber ist manchmal stärker oder schwächer, 
zuweilen anhaltend, remittirend und selbst intermittirend. Zer- 
reisst man jedoch so die Erscheinungen der Krankheiten, so 
möchte kaum einer Krankheit etwas Constantes zuzuerkennen 
seyn. Uebrigens bat die Gesichtsrose etwas voraus, was sie 
vielleicht vor solchen überverfeinerten Unterscheidungen schützt. 
Die meisten Aerzte sehen das Erysipel als Entzündung des liefe 
3lalpighii an und stützen diese Behauptung auf das Ergebnisa 
der Sectionen. Allein wenn die pathologische Anatomie für 
zweckmässige Behandlung der Krankheiten so geringen Vor 
theil, wie für die in Rede stehende, gewähren würde, so hätte 
man siel» nicht sehr darüber zu grämen, dass dieselbe- nicht zu 
sehr in Deutschland cultivirt wurde. Glaubt der Arzt eine 
entzündliche Krankheit vor sich zu haben, so erlauscht er 
gleichsam die Gelegenheit, wo er Blut iliessen lassen kann. 
Es darf daher in der Gesichtsrose nur eine ungewöhnliche Er 
scheinung auflrelen, oder Symptome Vorkommen, die auf Le 
bensäusserung irgend eines wichtigeren Organs sich beziehen, 
so wird gleich Blut entzogen und die ganze Macht depriiniren- 
der Mittel aulgeboten, um den Angriff des gleichartigen inner» 
Uebels zu ertödten. Dies Verfahren hat schon m’ele Opfer ge 
kostet. \V ie man nach neuern Ansichten die Gesichtrose 
behandelt und den Verlauf der Krankheit beurtheilt, davon 
stehe hier nachfolgendes Beispiel: eine 29jährige Dienstmagd von 
kräftiger Constitution, regelmässig menstruirt, kam am 10. April 
ins Hospital. Den Tag vorher hatte sich ein Erysipel im Ge 
sichte entwickelt, das sich über einen Tlieil der Kopfsclnvarte 
verbreitete. Es fand sich ausserordentliche Geschwulst des Zell 
gewebes, Verschliessung der Augen durch die Ausdehnung, 
starke Rothe der Haut, Schlaflosigkeit und beschleunigter Puls. 
Ääan gab ein Inf Fiolitr. und Hess 18 Unzen Blut weg. Am 
11. war der Puls weniger schnell und am 12. der Zustand 
noch derselbe. Man liess 14 Unzen Blut weg. In den näch 
sten Tagen verminderte sich das Erysipel von Tage zu Tage und 
zog sich mehr gegen den hintern Theil des Kopfes und Halses.
	        
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