Full text: (Neueste Folge, Band 2 = 1836, No 9-No 16)

74 I. Pathologie, Therapie und mediciuische Klinik. 
erklärt werden, diess ist unbezweifelt der Zustand der wahren 
Atonie; es giebt aber auch eine Chlorosis, die zwar auch un- 
läugbar mit Atonie verbunden, aber nicht nur in ihren geneti 
schen, sondern auch in allen nosologischen und therapeutischen 
Verhältnissen von der ersten verschieden ist. Einzelne Aehn- 
lichkeiten im äussern Krankheitsbilde dürfen nie dazu verleiten, 
beide für identisch zu halten. Wer eine solche Diagnose bil 
det und daraus die Indicationen ableitet, wird zeitig genug er 
fahren, wie sehr er sich getäuscht hat. Der hier vorwaltende 
Zustand hat mit dem Torpor, der, mit primitivem Gesunken- 
seyn des irritabeln Lebens gepaart, die erste Species der Chlo 
rosis bildet, nichts zu schallen, die Schwäche geht hier von 
der passiven Seite des sensibeln Lebens aus. Man denke hier 
an jene zarten, höchst erregbaren, in der Regel hysterischen 
weiblichen Wesen, die nicht aus Mangel und Elend, nicht in 
Folge von Säfteverlust und schwerer, die Kräfte zerstörende 
Krankheiten chlorotisch werden, sondern wo sich bei hoher 
Empfindlichkeit des Nervensystems nach anhaltender Einwirkung 
riederdrückender Alfecte die Periode verliert und die Chlorosis 
ausbildet. Man denke an die schwächlichen Frauen und Mäd 
chen, die von Gram, Kummer, unglücklicher Liebe etc. schmerz 
haft berührt, chlorotisch w erden ; hier ist zw ar ein asthenisches 
Leiden deutlich, aber dieser Zustand muss in seinen nosologi 
schen Verhältnissen ganz anders als der oben beschriebene, er 
klärt werden. Primäres Gesunkensein im irritabeln Leben ist 
hier nicht zugegen, die erhöhte Empfindlichkeit im Nervensy 
steme gilt als der Grundton dieser Form, die iin Rückenmarke 
entspringt und durch die Nervengeflechte der Ernährung ihren 
Reflex in den Sexualorganen findet. Gesellt sich Schwäche in 
der irritabeln Sphäre des Gesammtorganismus hinzu, so geschieht 
diess nur in Folge des Gegensatzes, der hier als Naturgesetz 
vorwaltet und alle Erscheinungen des Lebens beherrscht. Das 
Bild^ einer solchen Chlorotischen ist auch ein ganz anderes. 
Zarte, höchst reizbare Mädchen und Frauen, deren ganzer Ha 
bitus das Ueberwiegen des sensibeln Lebens zeigt, blass, aber 
nicht bedeutend aufgedunsen , doch sehr kränklich, verstimmt, 
von jedem leisen Eindruck leicht aufzuregen sind, die Einsam 
keit suchen und oft und ohne Veranlassung stöhnen und seuf 
zen, stellen das Bild dieser Chlorosis dar. Die Augen schwim 
men in Thränen, die Kranken klagen über Herzklopfen, der 
Athem ist beengt und die Dyspnoe, besonders beim Treppen 
steigen, vorzüglich ausgeprägt. Der Puls ist klein, beim Vor 
schreiten der Krankheit häufig und gereizt, die Hauttempera 
tur wechselnd und die Verdauung mehr verstimmt, als gesun 
ken, wie die hier oft vorkommende Pica, das Sodbrennen, die 
Gefrässigkeit und der häufige Durst ergeben. Verstopfung ist 
hier selten, Fluor albus in der Regel nicht vorhanden. Die 
Molimina ad Menslrua bestehen vorzüglich in Lenden- und
	        
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