Full text: (Neueste Folge, Band 3 = 1836, No 17-No 24)

466 I. Pathologie, Therapie unil medicinische Klinik. 
der in Rede stehenden Krankheit verhütet hat. Dies Alles ist 
eben so wahr, wie gut; aber es genügt noch nicht. — Tritt 
die Syphilis primär auf; fällt sie nicht auf schlechten Boden; 
trifft sie nicht mit Complicationen zusammen oder gesellen sich 
solche nicht zu ihr, und ist das ergriffene Individuum den ärztli 
chen Vorschriften folgsam; so ist ihre Heilung für den Wahren Heil 
künstler nicht minder leicht, wie angenehm u. oft so leicht, dass ein 
diätetisches Verfahren, zweckmässig eingeleitet und befolgt, nebst 
einein passenden Regim schon allein den Zweck ganz erreicht. 
Allein ungleich häufiger sind die Fälle, in welchen diese, an 
sich milde Krankheit hartnäckig, bösartig wird und nicht blos 
die lebende, sondern auch die folgende Generation verpestet und 
physisch destruirt. Nehmen wir die schon angedeuteten Fälle 
aus, in welchen das Venusgift auf schlechten Boden fällt oder 
mit andern Dyscrasien und Cachexien zusammentrifft u. s. w.; 
so trägt in der bei Weitem grossem Mehrzahl die unheilvolle 
Verheimlichung der fraglichen Krankheit die Schuld ihrer Ver 
derblichkeit. Der Jüngling oder auch der Gatte und Familien 
vater, dem das Unglück venerischer Ansteckung begegnet, setzt 
alles daran, dass das Uebel von Andern nicht soup^onnirt werde. 
Kr verschafft sich eine „Anweisung, wie man venerische Uebel 
auf die sicherste uud gefahrloseste Weise an sich seihst curire“ 
(es giebt ja solche Schandsäulen der Censurbehörde gerade ge 
nug!) und misshandelt sich nun noch mit unpassenden Arzneien ; 
oder er wendet sich an einen Pfuscher (und wo fänden diese 
nicht Obdach und Zulauf?) und lässt seine Krankheit verhun 
zen und seine Gesundheit vollends untergraben; oder er sucht 
einen rationellen Heilkiinstler auf, kann aber dessen Anordnun 
gen nicht stricte Folge leisten: er kann z. B. nicht zu Hause 
bleiben, das Wetter sei so schlecht, wie es wolle; er.muss 
sich wohl gar auf die Reise begeben; oder er kann nicht Diät 
halten, muss mit an dem Familientische speisen, an grossen 
Diners Theil nehmen, tapfer trinken, tanzen und Gott wei'ss, 
was sonst noch: aber er muss dies thun, um sein Uebel geheim 
zu halten, aus seiner Gesundheit oder vielmehr aus seiner ga 
lanten Krankheit mag da werden , was immer will, ja er hug- 
sirt auch wohl den Arzt, ihn schnell zu curiren, und nimmt die 
Mercurialpillen mit in die Soirees, um sie öfter und in grösse 
rer Anzahl, als verordnet war, mit Champagnerwein hiiiabzu- 
giirgeln. Darf es da noch wunderbar scheinen, wenn der an 
sich gutartige Chancre in allgemeine Lustseuche ausartet, und 
sich init übermässig genossenem und irregeleitetem Mercur zu 
einer zweideutigen Krankheit verbindet und die Verheimlichung 
rächt sich bis ins 3. und 4. Glied! Haftete an der venerischen 
Krankheit nicht eine vermeintliche Schande, oder vielmehr la 
stete nicht auf den, durch jene verralhenen unehelichen Bei 
schlaf eine Infamie, so würde es der Unglücklichen wenigere 
und der Irren nicht so viele geben. Ob die Zeit, welche den
	        
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