Full text: (11. Band = 1835, No. 9-No. 16)

182 VI. Gynäkologie und Pädiatrik. 
zum Zorne geneigt gezeigt haben. Von armen, rohen, doch ge 
sunden Eltern, von denen nie eins geisteskrank war, gezeugt, ist 
sie ohne alle ordentliche Erziehung in einem Dorfe aufgewach 
sen. Später diente sie als Magd, bekam ledig 2 Kinder und hat 
seit ihrer Verheirathung, durch die sie dem gebildeten Stande 
näher gerückt wurde, 4 Kinder geboren. Von dem 5. oder vor 
letzten Kinde wurde sie am 20. Nov. 1829 noch in gesunden 
Umständen entbunden, dann aber im Mai 1831, nachdem sie meh 
rere Wochen vorher Spuren von Seelenstörung gezeigt hatte, 
wahnsinnig. Die frühem Geburten folgten nicht sehr schnell 
auf einander und gingen alle leicht und regelmässig vor sich. 
Die 5 ersten Kinder stillte sie selbst, doch, weil es an Milch 
und Kräften mangelte, keins über 3—4 Monate. Nach dem Wo 
chenbette i, J. 1829 bemerkte man bald auffallende Abnahme der 
körperlichen und geistigen Kräfte als Folge einer Entnervung 
durch zu frühe Ausschweifungen, worauf sich im Frühjahre 1830 
Eifersucht und Mutterwuth im höchsten Grade einfanden und 
diese anhaltend fortdauerten, bis im Mai 1831 völliger Wahnsinn 
ausbrach, von dem sie seit dieser Zeit nicht mehr befreit wurde. 
Seit fast 4 Jahren zeigt sich demnach ununterbrochen höchst rege 
Phantasie, in der sie ohne Zusammenhang des Vortrags und un 
ter Verwirrung und Verwechselung der Gegenstände oft lärmend 
ihre Umgebungen beschuldigt, von ihnen gemisshandelt zu wer 
den, was in keiner Beziehung der Fall ist. Klagen über ihren 
Mann, die sie immer in Zorn und besonders verwickelt und un 
zusammenhängend ausspricht, dauern beständig fort, und sie be 
schuldigt ihn namentlich der Untreue, so wie, dass er ihr immer 
nur seinen Abgang, worunter sie den Samen versteht, zum Essen 
gebe. Eben so behauptet sie, stets nichts anderes, als Urin zum 
Getränk zn erhalten, trinkt auch wirklich, wenn sie dazu kommen 
kann, den eignen Urin und soll dies auch schon im gegenwärti 
gen Wochenbette, da sie gewöhnlich sehr schnell und listig da 
bei verfährt, mehrmals gethan haben. Nachts ist sie häußg so 
unruhig, wie am Tage anhaltend und spricht heftig gegen ihre 
vermeintlichen Gegner, ohne je etwas handelnd gegen dieselben 
zu unternehmen. Die körperlichen Functionen sind in den 4 
letzten Jahren grossentheils, die Menstruation aber immer in Ord 
nung gewesen. Diese Seelenstörung Wahnsinn zu nennen, dürfte 
den Ansichten vieler Aerzte entsprechen. — Die letztere, 6. 
Schwangerschaft dieser Unglücklichen, von der man erst sehr 
spät Vermuthung und kaum einige Wochen vor der Niederkunft 
untrügliche Zeichen hatte, läugnete sie bis zu ihrer Niederkunft 
standhaft. Sie wollte durchaus nicht schwanger seyn und be 
hauptete noch bei der Geburt, dass sie nur von der Hebamme 
mit einer Nadel ins Kreuz gestochen worden sey. Umfang des 
Unterleibs und unbedeutendes Anschwellen der an sich kleinen, 
welken Brüste war bis zur Niederkunft so gering, dass ihre Um 
gebungen an Schwangerschaft lange nicht denken konnten, bis
	        
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