Full text: (10. Band = 1835, No. 1-No. 8)

100 1. Pathologie, Therapie und medicinische Klinik. 
Ich benutzte diese Zeit, mich auch von der abnormen Qualität 
des abgehenden Urins zu unterrichten, Ich übergab nämlich eine 
Quantität von etwa 5-—6 Pfad. meinem gelehrten Freunde Hrn. 
Prof. Dr. Küönn jun. zur Untersuchung, dem es auch sehr bald 
gelang, aus der anfangs der Kälte ausgesetzten Flüssigkeit und 
durch nachheriges Abdampfen des Rückstandes bei gelinder Wärme 
im Wasserbade zuerst eine honig - oder syrupartige Masse und 
aus dieser allmählig förmliche Krystalle darzustellen, die sich ganz 
wie der Schleimzucker verhielten und von ihm noch aufbewahrt 
werden; leider hat er die specielleren Resultate seiner Analyse 
damals nicht aufgezeichnet, doch erinnert er sich noch sehr ge- 
nau,.dass der Urin keinen gewöhnlichen, ammoniacalischen, son- 
dern einen ganz eigenthümlichen, faden, dumpfen, nicht näher 
zu beschreibenden Geruch hatte, nicht faulte und keine Spur von 
]larnsäure zeigte. — Erst am 2. Novbr., nachdem Pat. nunmehr 
alle seine Geschäfte beseitigt und die pünktlichste Befolgung al- 
ler Verordnungen zugesagt hatte, konnte ich zu der eigentlichen 
Behandlung der Krankheit übergehen. Ich verschrieb das von 
RoLLO so dringend empfohlene Ammonium hydrogenato- sulphu- 
ratum oder Liquor Ammonü sulphurati zu 4 Scrupel mit eben 
goviel Tinct, theb., einigen Unzen eines destillirten, aromatischen 
Wassers und etwas Saft gemischt; 2stündlich zu 1 Esslöffel in- 
nerhalb 24. Stunden (wegen der leichten Zersetzharkeit des Mit- 
tels) zu verbrauchen; auf die Sacral- Gegend wurde ein starkes, 
handgrosses Brechweinsteinpflaster gelegt, um einen kräftigen 
Gegenreiz auf die Sacral- und Abdominal- Nervengeflechte zu er- 
regen; die Diät blieb leicht nährend, mehr animalisch, zum Ge- 
tränk wurde Wasser mit wenig Wein anempfohlen. In den er- 
sten Tagen liess sich wenig von einer Wirkung der Arznei ver- 
gpüren; Pat, klagte nur über Ööfteres nach Schwefelwasserstoff 
schmeckendes Anfstossen und der Urin schien ähnlich obwohl 
nur schwach zu riechen; die Kräfte nahmen täglich mehr ah; 
tie Gemüthsstimmung war sehr ängstlich, verzagt, schwermülhig; 
sorgenvoll. RozıLo’s Vorschrift eingedenk fuhr ich jedoch beharr- 
lich in der Anwendung des Mittels fort, dessen Gahe ich 8o ver- 
mehrte, dass ich bei jeder Repetition desselben 5 Tropfen mehr 
zusetzte, ohne in gleicher Maasse die Quantität des Opiums zu 
vergrössern, weil ich dessen abspannende und Jähmende Wirkun- 
gen in grösserer Gabe fürchtete. Nach länger als 8 tägigem Ge- 
brauche schien endlich der Liquor seine Wirkung zu entfalten; 
die bisher. nur wenig und selten nachlassenden, lästigen, krampf- 
haften Empfindungen im Unterleibe fingen an sich zu beschwich- 
tigen; die epröde, trockne, welke Haut verrieth wieder einigen 
Turgor; der. Puls wurde weicher und. voller, die Urinsecretion 
schien sich zu verringern, Hunger und Durst wurden mässiger, 
die. Respiration freier, weniger ängstlich, die Zunge feuchter, 
reiner, sie verlor ihre hochrothe Farbe an den Rändern, und die 
Jürre braune Krusie- in: der Mitte, sowie ihr glänzendes Ausse-
	        
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