Full text: (10. Band = 1835, No. 1-No. 8)

M. Pathologie, Therapie und medicinische Klinik, 149 
dicalheilung bewirkt schien. Jedenfalls verdient also diese Cur« 
methode die Aufmerksamkeit wissenschaftlich gebildeter Aerzte, 
Die Betrachtungen aber, zu denen der Vrf. durch die erzählten 
Fälle veranlasst wurde und die auf die Fragen zurückgehen: worin 
besteht die nächste Ursache des Stotterns und welches ist das 
wirksame Princip in den Vorschriften der LercH? sind kurz fol- 
gende: Die erste Frage anlangend, so besteht das Wesen des 
Stotterns nach des Vrfe. Ueberzeugung in krampfhafter Affection 
der verschiedenen, dem Sprachmechanismus dienenden Muskeln. 
Da nun aber das Wesen des Krampfs alle Mal krampfhafte Ner- 
venthätigkeit ist, so folgt hieraus, dass das Stottern seine Kint- 
stehung einer Reizung derjenigen Nerven, welche zum Kehlkopfe, 
der Zunge etc. gehen, verdanke. Ganz besonders leiden daher 
an diesem Uebel Personen von reizbarem Nervensystem. Gerä- 
then dergleichen Menschen in Affect, so wird ihr ganzes Ner- 
vensystem ulterirt und sie können nicht mehr durch die Kraft 
des Willens die willkührlichen Bewegungen der Muskeln leilen, 
durch die das Sprechen hervorgebracht wird. So entsteht unre- 
gelmässige Thätigkeit dieser Muskeln und somit Stottern. ‘Des- 
halb stossen auch Personen, die den freien Gebrauch ihrer Spra- 
che haben, an, wenn sie sehr zornig werden, oder befangen 
sind. Wiederholen sich solche Gemüthsaffecte bei Reizbaren, 
oder wird das Nervensystem auf ein Mal heftig erschüttert, so 
kehrt das Stottern öftera wieder und durch die Befangenheit, 
welche das Stottern erzengt, steigert sich die Reizbarkeit der 
hier interessirten Nerven und das Stottern steigt zu nicht be- 
zwingender Höhe. Darum stottern auch Kinder am häufigsten, 
weil bei ihnen das Nervensystem so reizbar ist, und bei Krwach- 
senen sieht man eben deshalb nach schweren Krankheiten oder 
ungeheuren Gemüthseindrücken Stottern entstehen. Diese An- 
sicht bestätigt die Erfahrung völlig. Stotternde der heftigsten 
Art können ohne Anstand sprechen, wenn sie ganz allein sind; 
sie sprechen ferner besser mit Bekannten, als mit Fremden und 
stottern um so heftiger, je befangener oder aufgeregter sie sind. 
Personen mit sehr starker Willenskraft haben durch diese allein 
im reifern Alter eine üble Angewohnheit der Jugend besiegt. 
Wäre nun hiernach das Stotterübel ein rein psychisches und würde 
nur unterhalten durch Angst und Befangenheit des Stotternden, 
die aus dem Bewusstseyn entspringen, dass er eben stioitere, so 
wäre es möglich, den Kranken zu heilen, wenn man ihm ein 
Mittel darböte, wodurch er Vertrauen zu sich selbst und Unbe- 
Fangenheit gewänne, da Furcht vor dem Stottern das Stottern 
erzeugt. Man hat also die Aufmerksamkeit des Stotternden wäh- 
rend des Redens auf einen besonderen Gegenstand zu leiten und 
diese 80 zu fesseln, dass er anfänglich wenigstens seine Befan- 
genheit verliert. IIat er zu seinem eigenen Erstaunen Einiges 
ohne Anstoss sprechen können, so wachsen Muth und Vertrauen 
und die Rede wird immer fliessender, weil er, indem er das
	        
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