Full text: (10. Band = 1835, No. 1-No. 8)

146 HM. Pathologie, Therapie und medicinische Klinik, 
überkommen, die einem solchen Stotterarzte zur Heilung anver- 
traut war. — Nichts ist einfacher, als die Curregeln der Stot- 
terdoctoren. Sie bestehen im Ganzen aus folgendem: Der 
Stotternde stemme mit möglichster Kraft die Spitze 
seiner Zunge an die obere Zahnreihe, hole alle 
6 Minuten tief Athem und spreche während dreier 
Tage, in welchen das Anstemmen der Zunge und das 
tiefe Inspiriren unausgesetzt fortdauern müssen, 
keine Sylbe. Während der Nacht werden kleine Röllchen aus 
Leinwand unter die Zunge gelegt, um auch im Schlafe dersel- 
ben die erwähnte Richtung zu geben. Nach Verlauf der 3 Tage 
lese Pat. dem Arzte eine Stunde hindurch langsam vor. Wäh- 
rend dies geschieht, hat man darauf zu sehen, dass es dem Stot- 
ternden nie an Luft fehle, weshalb er auch während des Lesens 
oft inne halten und tief Athem holen muss. Beim Sprechen wird 
Pat. angewiesen, die Zungenspitze stets schwebend zu erhalten 
und nie in die vordere Höhle der untern Kinnlade herabsinken 
zu lussen. Kaum sollte man denken, dass. diese höchst einfache 
Methode selbst in den hartnäckigsten und schwersten Uebeln ‘so 
auffallenden Erfolg haben könne, wie Erfahrung wirklich gelehrt 
hat. Sey es nun, dass durch die mechanische Richtung der 
Zunge, die in der That nach den 3 Anstemmtagen von selbst 
in der schwebenden Richtung bleibt, Erleichterung des Sprech- 
mechanismus bewirkt wird, sey es psychische Einwirkung, wel- 
che das 3tägige Schweigen und das Geheimnissvolle der Cur 
ausübt, genug, der Erfolg ist unmittelbar, und schon nach den 
3 Tagen überraschend günstig, leider aber — nicht blei- 
bend. — Das Resultat nun, welches diese Methode dem Verf. 
in einigen Fällen gewährt hat, ist nachstehendes: I. Die Toch- 
ter eines angesehenen Justizbeamten, eine gracile, 19jährige, 
übrigens durchaus gesunde Blondine litt seit dem 9. Jahre so 
heftig am Stottern, dass sie nur mit ihrer Familie umgehen 
musste, weil sie bei Unterredung mit Fremden nach hetftigem 
Stottern bald keine Sylbe hervorbringen konnte. Sie war übri- 
zens sehr gebildet, mit den deutschen und französischen. Classi- 
kern vertraut und wiewohl lebhaft, doch sanft. Sprach sie mit 
Bekannten, so floss ihre Rede eine ganze Zeit ruhig fort, bis 
sie endlich auf ein Wort stiess, das sie nur sehr schwer aus- 
sprechen konnte,‘ War erst ein Mal eine solche Schwierigkeit 
eingetreten, so wuchs die Befangenheit und das Stottern kam 
viel häufiger, selbst bei Worten, die sie noch kurz vorher ganz 
leicht ausgesprochen hatte.: Dass irgend ein Anfangsbuchstabe 
eine besondere Schwierigkeit hervorgebracht hätte, wurde nicht 
bemerkt... Es gab fast kein Wort, das sie nicht jetzt leicht 
ausgesprochen hätte und das wenige Minuten darauf ihr auszu- 
sprechen nicht unmöglich gewesen wäre. Besonders auffallend 
trat das Stottern hervor, wenn sie etwas vorlesen sollte, Sie 
konnte nicht 3 Worte zusammenhängend hervorbringen, ohne dass
	        
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