Full text: (10. Band = 1835, No. 1-No. 8)

114 IV. Chirurgie und Ophthalmologie, 
der Augapfel in allen Theilen normal. Nur die Retina beider 
Augen, zwar in ganzer Ausbreitung vorhanden, war noch wei- 
cher, als gewöhnlich, sonst unverändert. Die linke Linse war 
schmuzig-gelb. ‚Die Sehnerven wichen in allen Theilen vom Ur- 
sprunge bis zur Retina von der Norm ab. Vom Ursprunge bis 
zur Kreuzung waren sie nämlich bläulich, erweicht. Diese Ver- 
änderung zeigte sich deutlich an den Corpor. genicul. der Sehhügel, 
verschwand jedoch, als man die Untersuchung weiter in die Hirn- 
masse fortsetzte. Von der Kreuzung bis zum KEintritte in den Aug- 
apfel waren die Sehnerven nicht nur erweicht, sondern auch merk- 
lich geschwunden. Die Glandula pituitaria war dunkelroth , fester 
als gewöhnlich, vergrössert. Es bestand also hier Amaurose, 
ohne beträchtliche materielle Störung der Augen, bedingt durch 
Erweichung der Sehnerven, die über die Orbital- und Cerebral- 
theile derselben bis in die Corpora geniculata sich fortgesetzt 
hatte und durch vor der Kreuzung bestehendes Schwinden der- 
selben. Berücksichtigt man die allmähliche Entstehung, die das 
Uebel begleitenden Kopfschmerzen und die. unveränderte normale 
Beschaffenheit der Augen, so scheint die Behauptung, dass Ur- 
sprung und Sitz des Uebels in den Sehnerven war, begründet. 
Es fand sich Erweichung und Abnahme der Nutrition in den 
Sehnerven vor, ohne dass in diesen oder in den nahen Theilen 
ein entzündlicher Zustand wahrgenommen wurde. Es war also 
hier Entzündung oder entzündliche Reizung der Erweichung we- 
der vorangegangen, noch beigetreten. Auch konnte kein Extra- 
vasat ermittelt werden, welches man hätte als Ursache oder 
Folge der Erweichung betrachten können. Die Frage: ob die 
Hypertrophie der Glandula pituitaria, deren Anschwellung zu- 
weilen die Ursache der Amaurose seyn soll, auf das oben er- 
wähnte Uebel eingewirkt habe, wagt B. nicht unbedingt zu ver- 
neinen, obgleich es ihm unwahrscheinlich ist, dass dieser aus- 
gebreitete krankhafte Zustand der Sehnerven durch abweichende 
Beschaffenheit hätte hervorgebracht werden können, Die Glan- 
dula pituitaria kann nur dann die Sehnerven mechanisch stören, 
wenn ihr Umfang beträchtlich vergrössert ist. — Nach Ruvo_pz, 
der sich auf das Gehirn eines Kindes beruft, bei dem das rechte 
Auge mangelte und der Sehhügel mangelhaft war, soll den Seh- 
hügeln in grösserem Umfange der Ursprung der Sehnerven an- 
gehören. Nach dem hier mitgetheilten Falle möchte der Ur- 
sprung der Sehnerven vorzüglich, doch nicht ausschliesslich, der 
hintersten Partie der Sehhügel, den Corpor. genicul. zukommen. 
— Nach NELATON Sollen Störungen im Baue der Sehnerven be- 
stehen können, ohne dass dadurch das Gesicht leidet. Er be- 
sitzt nämlich ein Gehirn, bei dem das Chiasma nerv. optic. in 
der Mitte in gelatinöse Substanz verwandelt ist, während am 
Rande desselben die Nerven ohne Unterbrechung verliefen. Nach 
vorn besteht eine Art Nervenschlinge, die von einem Nerven zum 
andern läuft und die Verbindung ohne Kreuzung vermittelt. Das
	        
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