Full text: (9. Band = 1834, No 17-No 24)

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VI.‘ Staatsarznelkunde. 
wird gegen dieses mit Argwohn erfüllt; * Hin und wieder scheint 
sie den ihr wiederholt gemachten Vorstellungen, dass daselbst 
kein Geld für sie liege, Glauben‘ zu schenken; sie eilt deshalb 
zu dem vermögenden Stuprator, 180 Thlr. Deflorationsgeld, 
10 Thir, Wochenbetikosten und 25 Thlr. jährliche Alimente ver- 
jangend, und da ihr dieser zu verstehen gegeben haben soll, dass 
er schon über 300 Thlr.. nach H; geschickt habe, und da ihr 
von Seiten des Gerichts ihre persönliche Zudringlichkeit streng 
untersagt wird, 8o verlangt sie von dem Gerichte nicht bloss 
50 Thir., sondern noch 300 dazu. Sie confundirt den Process 
über Alimeutengelder mit der Forderung von 50 und 300 Thlr. 
und interpretirt die, für jenen Fall erlassenen Verfügungen und 
mündlichen Bemerkungen auch in diesem Sinne, was jedoch ihre 
Schuld, wenn auch ia geriugerm Grade, ist, indem sie noch 
über sich zu wachen verstand. — Da’aber die S. von ungebil- 
deten Rathgebern umgeben, von ihrem Manne gedrängt und zuü- 
letzt ganz verlagssen wurde; kürz wenn sie die höchste Schmäle- 
rung der nöthigen Lebensbedürfnisse empfinden und zuletzt noch 
Strafe erleiden musste; so konnte leicht der geringe Rest von 
Begriflsentwickelung, welcher ihr in Bezug des sie interessiren- 
den Gegenstandes noch zu Gebote stand, in’s Gedränge kommen 
und in dem Grade eine Verworrenheit herbeiführen, dass es ihr 
jetzt höchst schwer, ja wohl gar unmöglich wurde, vernünfti- 
gen Vorstellungen zur Aufklärung der Sache Eingang zu gestat- 
ten. Diese partielle Verworrenheit bezeichnet gleichsam schon 
das werdende Leben der darauf sich bildenden fixen Idee. Die 
Injurien, welche die S, gegen das Gericht aussprach, zeugen 
mehr oder weniger von Uuvernunft; sie sind also nicht nach 
richtigen Denkgesetzen und nach klaren Begriffen geschaffen und 
haben die alleinige "Tendenz, ihre fixen Ideen zu realisiren und 
endlich zu executiren. Die S, wollte durch Schriften und Hand- 
lungen ihre Noth darstellen und die Gerichte zu ihrer Schuldig- 
keit anhalten. Die Forderung von 300 Thirn. stützte sich auf 
ihr gemacht seyn sollende Versprechungen. Sie hält ihre Sache 
für ganz einfach und erwartet vom Vice- Könige Gerechtigkeit. 
Sie giebt die Möglichkeit zu, dass für sie kein Geld bei dem Ge- 
richte deponirt worden. Sie hält sich zuletzt selbst für strafbar, 
wenn sich. die Unrichtigkeit ihrer Forderung ausweisen ‘sollte, 
Aus diesem geht hervor, dass die S. sich ihrer Handlungen be- 
wusst war. In so fern aus der frühern Darstellung hervorgeht, 
dass ihr Denkvermögen nicht ganz tadellos ist; so hat es ihr bei 
den Injurien nicht an Erkenntniss dessen gefehlt, was Unrecht 
sey, worauf es hier ankommt; denn. diese Erkenntniss 'kommt 
nicht aus dem Denkvermögen,. sondern aus dem Gewissen, und 
das Gewissen ist mit dem Bewusstseyn, dessen ‘sie also nicht 
ermangelte, unzertrennlich verbunden. Die S. war also bei 
ihren schriftlichen und mündlichen‘ Insulten ihres 
Vernunftgebrauchs mächtig, mithin psychisch frei.
	        
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