Full text: (9. Band = 1834, No 17-No 24)

166 IV. Chirargie und Ophthalmologie. 
Die wenigen Eck- und Schneidezähne waren mit-so scharfen 
Rändern gegen die Zunge versehen, dass man-+ihrem Kinflusse 
Entstehung und schnelle Verbreitung des Uebels beimessen musste; 
Abmagerung, grosser Mangel an Kräften und der‘ Umfang‘ des 
Krebses liessen nicht erst das Dec. Zittm. anwenden, Im Ges 
geutheile liess HM. den Pat., der keine feste. Nahrung mehr neh- 
men konnte, einige Tage mit kräftiger Fleischbrühe, weich ge- 
sottenen Eiern und altem Moselweine stärken, entfernte 2 durch 
ihre scharfen Ränder die Zunge nur reizende Zähne und schritt 
dann am 8. Oct. 18528 zur Operation. Nachdem. durch. Ausspü- 
Jung mit Chlorkalklösung der unerträgliche Geruch einigermaas- 
sen beseitigt und durch Einbringung von Korkstöpseln das Schlies- 
sen des Mundes unmöglich gemacht worden war, ‚wurde‘ die 
Zunge nur mit der in ein Taschentuch gehüllten Hand ausser- 
halb des Mundes fixirt und der kranke Theil der Zunge unmit- 
telbar am Zungenbändchen weggeschnitten, auch dann noch ei- 
nige verdächtige Partieen ebenfalls mit Coorsr’scher Schere 
entfernt. Die nicht unbedeutende Blutung stand auf Anwendung 
eines kalten Mundwassers und hörte ganz auf, als die Wundflä- 
che, um alles Krankhafte zu zerstören, mit: weissglühendem Ki- 
sen berührt wurde. Nach Beendigung der Operation war aller 
Schmerz verschwunden, der Operirte füllte sich erschöpft und 
bekam deshalb etwas laue Fleischbrühe mit Eidotter, sonst aber 
Limonade als Getränk. Der Mund wurde noch ferner mit kal- 
tem Wasser ausgespült und Schweigen und Ruhe. angerathen, 
Gegen Abend stellte sich kein Fieber ein, und die Nacht war 
so ruhig, wie sie 2 Monate nicht mehr gewesen war. Nach 
24 Stunden war der Zustand noch immer befriedigend, die Zunge 
wenig geschwollen und frei von Schmerz. . Nach 48 Stunden 
hörte man Klagen über Empfindlichkeit der Zunge, weshalb statt 
des bisherigen kalten Mundwassers. ein .Jauwarmes Calendula- 
Decoct mit einigen Tropfen Opiumtinctur gegeben wurde. . Tage 
darauf war diese Empfindlichkeit beseitigt und der Brandschorf 
löste sich, wobei man gesunde .‚Granulation sah.. Bei dieser Be- 
handlung ging die Heilung rasch vor sich, mit dem 7. Tage war 
der Brandschorf ganz losgestossen und die Granulation gesund 
und am 11. die Wunde überall vernarbt, bis auf eine kleine 
Stelle, so gross wie eine ‚Johannisbeere in der. Mitte der Zunge 
über dem Frenulum; die, weil die Granulation nicht völlig ge- 
sund war, mit Lig. hydrarg. nitr. oxyd. wiederholt betupft. wurde; 
worauf auch diese Stelle sich schloss. Die Sprache hatte nicht 
gelitten und der Geschmack war wie vor Erscheinen des Uehels, 
Froh kehrte der Operirte zu seinen Beschäftigungen zurück, über- 
liess sich aber den Freuden des Weins. Schon nach 14 Tagen 
empfand er wieder Schmerz in der Zunge, olıne dass man Ge- 
achwulst oder sonstige Härte wahrnahm. 7% "Tage nachher be- 
merkte H. auf dem rechten Rande der Zunge, oberhalb der 
KSchnittnarbe. ein carcinomatöses Geschwür, das, wenn es auch
	        
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