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Theaterspielpläne und ihre den damaligen Theaterfreun
den bekannten furchtbaren Folgen an den Pranger stell
ten. Der Film steht nun heute ungefähr da, wo das
deutsche Theater stand, als Lessing seine 'Hamburgische
Dramaturgie' schrieb.
Es wird heute niemand bezweifeln wollen, daß diese
Theorie damals für das deutsche Theater eine sehr prak
tische Angelegenheit gewesen ist, und daß man sich
ohne diese Theorie das praktische, lebendig vorhandene,
reale deutsche Theater einfach nicht mehr denken könnte.
Es soll damit nicht gesagt sein, daß es vorher nicht
auch ein Theater gegeben hätte, daß es damals nicht
auch Dichter gegeben hätte und daß es vorher auf dem
Gebiet des theaterpolitischen Schaffens nicht einzelne
Genies gab, die kraft ihrer genialen Einschau in die
Dinge auf Grund ihres Instinktes und ihrer Begabung
so handelten, wie Lessing es später theoretisch gesehen
hat. Aber die 'Hamburgische Dramaturgie’ ist ja nicht
für die Genies, sondern für die mittelmäßigen Begabun
gen, die ja leider immer den größten Teil des künstle
rischen Schaffens ausmachen und auch ausmachen müssen.
Es sollen auch die Grundsätze, die heute über das film-
künstlerische Schaffen aufgestellt werden, nicht ge
dacht sein für das einsame Genie, das kraft einer höhe
ren Begabung so handelt, wie es richtig ist und das
auch im Bedarfsfälle das souveräne Recht besitzt, in
höherer Einsicht einmal gegen die Grundregeln zu ver
stoßen, sondern diese Grundgesetze sollen für das Ta
gesschaffen gelten."'
Goebbels glaubte, Lessing habe "damals das Prinzip einer
Einheit des Ortes, der Handlung und der Personen" fixiert als
"eine schroffe Kampfansage gegen das zu seiner Zeit fungieren
de deutsche und Welttheater", das seiner Meinung nach völlig
2
regellos gewesen sei. Das sei von Lessing ab nicht mehr
möglich gewesen.
"Lessing hat durch die eherne Fixierung gewisser Grund
sätze diesem künstlerischen Unfug ein Ende bereitet,
und heute empfindet man nicht nur, daß ein Drama, das
gegen diese Grundsätze verstößt, schlecht ist, sondern
man weiß auch, warum es schlecht ist, und man kann dem
Betreffenden, der den Fehler macht, das auch zum Vor
wurf machen. Ich bin nun der Überzeugung, daß ein sehr
gründliches und tiefes ernstes Nachdenken über die Prin
zipien der Filmkunst uns allmählich auch diese entschei
denden Erkenntnisse vermitteln wird, die notwendig sind,
um dem Filmschaffen einen stabileren Entwicklungsgang zu
verleihen. Wir stehen heute vor der erstaunlichen Tat
sache, daß hin und wieder ein ganz großer Könner aus
einer inneren Schau heraus einen guten, einen hervor-
1 J. Goebbels, Rede, in: JbRFK 37, S. 67 f
2 Ders., ebd., S. 68.

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