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danach, aufgrund welcher Bedingung sie entstanden sind und
nennt nicht die Konstanten, welche die ewige Gültigkeit die
ser Segel garantieren sollen. Sie sind bei Liebeneiner nicht
von menschlichen Verhaltensweisen bestimmt, weder - wie man
es erwartet hätte - von biologischen, also weitgehend unver
änderlichen, noch von denen, die aus gesellschaftlichen Pro
zessen resultieren, also veränderbaren. Statt dessen glaubt
er an die autonome Struktur einer eigenen Theaterwirklich
keit, die allerdings nicht mit der Realität des Alltags
identisch ist; wie sie konstituiert wird und welche Beziehun
gen zwischen beiden bestehen, bleibt in diesem Zusammenhang
ungesagt. - Das zeigt sich in der Antwort an einen Autor, der
mit seinem Stück nicht die dramaturgischen Hegeln befolgte
und "sich mit dem ach so oft vorgebrachten Argument [wehrte],
daB ja das Stück nach dem Leben geschrieben sei und dieses
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eben so ausgegangen sei." Liebeneiner gibt in der Antwort
sein Verständnis von Dramaturgie preis, wenn er erklärt,
"daß wir nicht das Leben spielen sondern Theater, -und daß die
dramaturgischen Gesetze mathematische und keine biologischen
sind." Das Problem der Vermittlung von Eealität und der je
eigenen Theaterwirklichkeit im Medium der dramatischen Kunst
wird bei ihm nicht angesprochen; es scheint noch improblema
tisch zu sein. Zumindest taucht hier aber die Frage nach der
Berechtigung auf, eine derartige Dramaturgie, der sich jedes
Stück unterzuordnen habe, dann weiterhin beizubehalten, wenn
die Darstellung der Wirklichkeit an der Dramaturgie scheitert.
Spätestens dann, wenn die Gegenwartsproblematik nicht mehr in
dieses Hegelsystem eingefangen werden kann und entweder umge
modelt und den Bedingungen der Dramaturgie untergeordnet
oder ausgeklammert werden muß, führt die Aufrechterhaltung
dieser Dramaturgie zur Ideologie. - Bei aller Abneigung, die
ich gegen Reduktion auf rein biologische Gesetzmäßigkeiten
1 W. Liebeneiner, Spielleiter und Dichter, in: G. Müller,
Dramaturgie, S. 6
2 Ders., ebd.

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