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d) Fraenkel
Heinrich. Fraenkels "Unsterblicher Film", die erste Dar
stellung der Filmgeschichte, die nach dem Krieg in der Bun
desrepublik eine rasche Verbreitung fand, ist aus der Kammer
dienerperspektive geschrieben und weist deren typische Vor
züge und Nachteile auf. Sie wirkt erhellend, wenn an persön
lichen Erlebnissen der Integrationsmechanismus aufgezeigt
wird, der auf Grund mangelnder Zivilcourage reibungslos funk
tionieren konnte. Fraenkel schildert die historische Vorstel
lung von "Der träumende Mund" in Berlin, als ca. "zehn kräfti
ge SA-Männer" einen "Sprechchor etwa des Wortlauts 'Wir-wol-
len-kei-ne-Berg-ner-Fil-me - raus-mit-der-Ju-den-sau!'" an
stimmten und den Abbruch der Veranstaltung erzwangen, was in
der NS-Presse als "spontaner und berechtigter Volkszorn" aus
gegeben wurde und daraufhin Anlaß zum Verbot des Films war
(92). Die Frage, ob er sich selbst als untätig gebliebener Zu
schauer mitschuldig fühlen müsse, zumal das Publikum in der
hundertfachen Übermacht war, verneint Fraenkel mit dem Hin
weis, "daß diesmal die Staatsmacht hinter den Radaubrüdern
stand und daß es töricht gewesen wäre, aus nichtigem Grunde
Freiheit und Leben aufs Spiel zu setzen" (93)» Er zieht aber
nicht daraus den Schluß, daß der Antisemitismus und die mit
politisch lethargischer Haltung einhergehende Furcht vor der
Obrigkeit bereits derart internalisiert waren, daß sich selbst
bei tausend Zuschauern kein Protest gegen die Minderheit von
1 °/o erhob. - Die spontane Publikumsreaktion, die sich bei der
Premiere von "Ein Lied geht um die Welt" abspielte, als der
jüdische Hauptdarsteller Joseph Schmidt zahlreiche Vorhänge
erhielt, obwohl die Parteiprominenz mit Goebbels an der Spitze
in der Mittelloge versammelt war, will Fraenkel daher auch
ausdrücklich nicht als "eine politische Demonstration" gegen
die Nazibonzen verstanden wissen, sondern als Beweis "für die
1 H. Fraenkel, Unsterblicher Film, Die große Chronik, 2 Bde,
München 1956/57 - Der 2. Bd. behandelt den Tonfilm; die
oben im Text in Klammem erscheinenden Zahlen nach den Zita
ten beziehen sich auf die Seiten in diesem 2. Band.

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