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Ziehung offen auszusprechen, kennzeichnet die NS-Weltanschau-
ung und definiert sie zugleich als eine totalitäre, als die
sie sich auch selbst versteht. Das war u. a. eine Folge
ihrer Analyse des Liberalismus, die sie zu der Notwendigkeit
einer bewußten Wertentscheidung hatte kommen lassen (die dann
allerdings einmalig und irreversibel war). Die in einem de
mokratischen Staat gerade der Entideologisierung dienende
Ausweisung des eigenen Standpunkts und der Hinweis auf den
politischen Bezug wurden hier ideologisch, wo sie Mitausdruck
eines totalitären Herrschaftssystems wurden, der ohnehin kei
ne Alternative gestattete. Die Erkenntnis, wie sehr das An
sehen, das Kultur im Bürgertum genoß, herrschaftstechnisch in
Gebrauch genommen werden konnte, wurde zu einem der wesentli-
p
chen Machtfaktoren dieses Systems umgemünzt. Im Bewußtsein
des Bürgers einer liberalen Demokratie, die die staatsfreie
Sphäre des einzelnen möglichst weit erklärte, hatte sich die
Trennung der Bereiche der Kultur von denen ihrer äußeren Or
ganisationsformen, wie sie von Dilthey formuliert und von
Freyer wirksam zugespitzt wurde, derart festgesetzt, daß er
sich schon der Ansicht, Kultur sei "inhärenter Bestandteil des
sozialen Geschehens", widersetzen,erst recht aber den poli
tischen Anspruch auf die Kunst, wie ihn die NS-Ideologie for
derte, strikt ablehnen mußte. Meinungen, die der Auffassung
entgegentraten, Kunst sei individueller Ausdruck einer schöp
ferischen Künstlerpersönlichkeit, wurden nicht akzeptiert,
Werke, die zu exponiert einen gesellschaftspolitischen Stand
ort vertraten, der nicht dem der herrschenden Meinung des
Bürgertums entsprach, nicht zum Bereich der reinen, der hohen
Kunst gerechnet, sondern der Kategorie der Propaganda- und
1 In den Texten zur Pilmtheorie wird das des öfteren ausge
sprochen, so daß auf genaue Hinweise an dieser Stelle ver
zichtet werden kann.
2 Vgl. H. Brenner, Kunstpolitik, S. 273 ff.
3 H. König, "Kultur", in: Soziologie (= Das Fischer Lexikon,
Bd. 10, Neubearbeitung), S. 162.

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