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In Lehnichs Beitrag kommt der potentiell utopische \ind
zielgerichtete Charakter der HS-Ideologie zum Ausdruck, der
sich selbst explizit im Gegensatz sieht zum herrschenden
Konservatismus:
"Man beruft sich bei jeder Gelegenheit auf die Eigen
gesetzlichkeit und hofft auf diese Weise, einen Zu
stand aufrechterhalten zu können, der sich angeblich
bewährt hat oder der, als vom Schicksal bestimmt, hin
zugenommen werden muß, weil der Mensch ihn doch nicht
ändern kann."
Diese prinzipiell vorhandene Möglichkeit, Bestehendes um
eines in der Zukunft gelegenen Ziels willen zu verändern
und die Rechtfertigung für die angewandten Mittel von dem
utopischen Ziel her zu holen, konnte als ein spezifischer
Zug dieser Ideologie schon mehrfach aus den Texten zur Kul
turpolitik herausgearbeitet werden und kennzeichnet m. E.
den entscheidenden Unterschied zur völkisch-konservativen
Haltung.
Die eingangs gestellte Frage, ob die bewußt wertbezogene
Position der NS-Filmtheoretiker aus einer Beschäftigung mit
den Problemen der Wertfreiheit resultierte, oder ob sie un
reflektiert diesen Standpunkt einnahmen, kann dahingehend
beantwortet werden, daß zumindest Goebbels und Lehnich Er
kenntnisse aus dem Einblick in den praktizierten Liberalis
mus der Wirtschaft (deren Prinzip des "laissez-faire" für
Lehnich als das Muster der Eigengesetzlichkeit gilt) auf an
dere Bereiche übertragen. Diese Perspektive hebt den Natio
nalsozialisten prinzipiell über den beschränkten Gesichts
kreis dessen hinaus, der an die absolute Autonomie bestimm
ter Teilbereiche glaubt und sie nicht von einem größeren
Funkt.ionsZusammenhang bestimmt sehen möchte. Aus diesem Grun
de kommt Lehnich zu der auch von der heutigen Wissenschafts
theorie vertretenen Ansicht, daß zwar "die Eigengesetzlich
keit als System abzulehnen" sei, daß aber um der Untersuchung
gerade auch verborgener Problemstellungen willen das, was man
heute eine Strukturanalyse nennen würde, allererst durchzu
führen sei.

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