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warum Filmregisseure, deren Metier eine wesentlich kürzere
und obendrein noch nicht einmal überall als Kunst anerkannte
Tradition hatte, künstlerisch ansprechendere und auch vom
Publikum akzeptierte Werke herstellten, während es dem hand
werklich und intellektuell besser ausgebildeten Dramatiker
nicht gelang. Die Filmtheoretiker haben für die Bedeutung
ihrer Kunst in dieser Zeit einen Erklärungsversuch gegeben,
in welchem die soziale Umwelt, die geistesgeschichtliche
Situation und der Anspruch der Ideologie mit den nur diesem
Medium eigenen strükturalen Elementen einsichtig ins Ver
hältnis gesetzt worden sind. Mit dem Film "Triumph des
Willens" von Leni Riefenstahl konnte man auf ein Beispiel in
der Praxis hinweisen, das den künstlerischen Selbstausdruck
der NS-Ideologie im Film gültig realisiert hatte. Ketelsen,
auf dessen Aufarbeitung der Dramentheorie des Dritten Reichs
ich mich stütze, gibt an anderer Stelle seines Buchs einen
umfassenderen (allerdings seiner erstgenannten These wider
sprechenden) Erklärungsversuch, warum der Erfolg der NS-Dra-
matiker ausgeblieben sein könnte: ! 'Indem sie den Menschen
nicht als selbständiges, sondern nur als funktionales Wesen
betrachtet, enthält die Dramaturgie des Dritten Reichs bereits
in ihrem Fundament die Ursache ihres Unwertes. Sie teilt die
ses Charakteristikum mit der gesamten Ideologie, der sie ent
sprang. Außerdem ist wohl auch hier, nicht etwa in mangeln
der sprachlicher und konstruktiver Fertigkeit, ein Grund des
Scheiterns der Werke aus dieser Dramaturgie auf der Bühne zu
suchen. Denn nicht Menschen, die kraft ihres Wesens Interesse
beanspruchen könnten, standen auf den Brettern, sondern Funk-
p
tionsträger von Weltprinzipien." Doch auch diese Deutung ist
1 Vgl. dazu die Stimmen der Filmhistoriker in Kap. B. - Noch
im Jahr 1965 rangierten ihre Dokumentarfilme bei einer welt
weiten Befragung von Filmhistorikern nach den besten Doku
mentarfilmen der Filmgeschichte anläßlich der "Mannheimer
Filmwoche" unter den ersten zwanzig. Unlängst errang sie in
London bei einer Retrospektive ihrer Filme einen so großen
Erfolg, daß der renommierte englische Dokumentarfilmhisto
riker Paul Rotha sie "our Leni" nannte.
2 U.-K. Ketelsen, Heroisches Theater, S. 93. "Funktionsträger
von Weltprinzipien" allerdings war der Mensch auch in der
geistlichen Literatur.

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