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Daher wird, aus dem Faktum, daß in Theater und Film Schau
spieler auftreten und beiden eine zumeist schriftlich fixier
te Vorlage als Grundlage dient, auf deren gleiche Verwen
dung geschlossen. Man leitete daraus die Berechtigung ab,sie
nach Maßgabe ihrer Funktion im Theater beurteilen zu können,
ohne aber vorher die je eigene Funktion der Rolle des Schau
spielers und der des vorgeschriebenen Textes zu reflektie
ren. Die leibhafte Anwesenheit des Schauspielers im Theater,
der den "lebendigen Kontakt" zum Zuschauer herstellt, gilt
schon als Kriterium der Güte schlechthin. Man verurteilt die
technisch vermittelte Darstellungsart im Film, die wesens
eigen ist für diese Kunst als eine qualitativ minderwerti
gere, anstatt zu fragen, ob es nicht eine qualitativ andere
künstlerische Aussageweise ist, die den Zuschauer mit einer
neuen, und seine heutige Situation künstlerisch womöglich
adäquater mediatisierten condition humaine konfrontiert.
Wenn Dörfler statt einer primär wertenden Beurteilung, die
jeweilige Funktion des Schauspielers in beiden Künsten
strukturell analysiert hätte, wäre er zu der unterschiedli
chen Geltung gekommen. Von seiner elementaren Bedeutung im
Theater, wo er der notwendige Mittler des dichterischen Worts
ist und das Schauspiel erst als Aufführung konstituiert, ist
der Schauspieler im Film zu einem zwar sehr wichtigen, aber
nicht notwendigen Gestaltungsmittel geworden. Er nimmt hier
-i
eine funktionale und - wie Arnheim bereits feststellte -
nicht notwendig über die Bedeutung der anderen Gestaltungs-
mittel hinausgehende Position ein. Aber auch der unterschied
liche Aufgabenbereich von Film- und Theaterschauspieler bringt
1 R. Arnheim, Film als Kunst, Berlin 1932.
2 Das Theater ist notwendig an Menschen gebunden (mechani
sches Theater ist die Ausnahme), der Film nicht. Einer der
ersten Filme, "L'arrivfce d'un train" von Lumiäre, konfron
tierte den neugierigen Zuschauer Ende des vorigen Jahrhun
derts mit einem Produkt dieses erfindungsreichen, techni
schen Jahrhunderts und ließ ihn vor Überraschung in seinem
Kinosessel ängstlich zusammenkauern, weil der Realitäts
charakter dieses neuartigen Abbildungsmittels so ungeahnt
groß war, daß man meinte, der Zug fahre von der Leinwand
direkt in den Zuschauerraum.

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