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"Es ist ein typisches Merkmal des deutschen Films, daß
er sein Hauptgewicht auf die dramatische Güte der Hand
lung und des Dialogs, auf einen vollkommenen szeni
schen Aufbau legt und darüber die photographischen,
optischen, das heißt also die eigentlichen filmischen
Gegebenheiten mehr oder weniger außer acht läßt. Der
deutsche Film baut in seiner Grundform auf dem Wesen
des Theaters auf. So lange nun die Eigengesetzlichkeit
des künstlerischen Films noch nicht geklärt ist - und
sie ist heute noch zu sehr in die Fragen des Techni
schen verstrickt, um geklärt zu sein - beurteilen wir
die Filme, die wir sehen, nach den geläufigen Regeln
des Dramatischen, nach der schauspielerischen Leistung
und nur ganz am Rande nach der bildmäßigen Struktur,
der sich der Regisseur bedient hat."
Beide Beispiele sind Zeugnisse für den bestehenden Zwie-
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spalt zwischen der künstlerischen Praxis und dem von der
Theorie geforderten Stil. Für Fischer gelten die bildmäßigen
Qualitäten noch als die eigentlich filmischen, während an
dere Gestaltungsmöglichkeiten gar nicht genannt werden. Ihre
Beurteilungsweise zielt noch zu sehr auf die mit statischer
Kamera komponierten Einstellungen ab, obwohl beim deutschen
Film zu jener Zeit bereits eine beweglichere Kameraarbeit
gebräuchlich war, die die Bedeutung der künstlerischen Aus
gestaltung des Einzelbilds relativierte.
b) Die Argumente der Kulturkritik gegen das Kino
Für die Argumentation, mit der die Kulturkritiker dem
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Kino begegneten, stehe hier stellvertretend P. Dörfler,
1 Inwieweit der theatermäßige Stil bereits als filmische
Tradition in die Filme des Dritten Reichs einging und ihr
Aussehen bestimmte, inwieweit er zugleich Ausdruck einer
spezifischen Welt-Anschauung sein konnte, wie es Kracauer
herausgestellt hat, oder ob er nach den Auflagen, die an
den Film gemacht wurden, gar kein anderes Gesicht haben
konnte, sind Fragen, die die Komplexität der Problematik
anzeigen und z. T. in den folgenden Kapiteln beantwortet
werden. Soweit sie als Fragen in den behandelten Texten
gestellt sind, können sie AufSchluß über das Problembe
wußtsein der Filmtheoretiker im Dritten Reich geben.
2 Peter Dörfler, geb. 1878, schwäbischer Schriftsteller.

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