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Auch, der nächste Satz seiner Rede verrät dieses Kunst
verständnis:
"Ich will also nicht eine Kunst um der Tendenz willen,
sondern die Tendenz in die große und alles überragen
de Gestaltung einfügen."'
Dieses vornehmlich am handwerklichen Können orientierte
Kunstverständnis zeigt, daß Goebbels an eine Form-Inhalt
Dichotomie glaubt, die von den übrigen Filmtheoretikern ge-
p
rade nicht mehr aufrechterhalten wird. Er sieht die künst
lerische Form als eine autonome Struktur an. Die "große und
alles überragende Gestaltung" gilt als Qualität sui generis,
in die der jeweilige Inhalt "eingefügt" werden kann. Das
setzt die Annahme voraus, als seien die Gestaltungsmittel
ein Reservoir wertneutraler Bauelemente, die je nach dem
Zweck ihrer Verwendung eingesetzt und erst durch das ange
strebte Wirkungsziel des jeweiligen Produkts künstlerisch
wirksam werden. Der in dieser Ideologie postulierte Funktio-
nalsimus erstreckt sich somit bis in die Formelemente. Die
Annahme einer Dialektik von Form und Inhalt, die die Span
nung eines ästhetischen Gebildes immer erst ausmacht, fin
det sich daher bei Goebbels nicht (sie würde die in der
Weltanschauung fixierte Determination aller Gebiete in Fra
ge stellen). Daraus erklärt sich seine Meinung, es gäbe all
gemein gültige Gesetze für die Kunst, die dann speziell auf
die einzelnen Kunstarten angewandt werden könnten.
1 J. Goebbels, Rde, in: JbRFK 57, S. 76.
2 Vgl. dazu F. Hippier, Betrachtungen zum Filmschaffen,
S. 38, und Koch/Braune, Von deutscher Filmkunst (o.S.),
die sich beide auf Goethe und seinen Begriff der "inneren
Form" berufen. - Vgl. dazu: B. Rehlinger, Filmisch,
S. 92 f.; aber auch: A. Rosenberg, Mythus, S. 692: "[...]
daß die jeweilige geprägte echte Form und ihr Gehalt in
der gegebenen Zusammenschau gar nicht voneinander zu tren
nen sind, daß mit dem Aufgeben einer uns gemäßen Form zu
gunsten einer angeblich abstrakten ewigen, absoluten Wahr
heit wir dieser 'Wahrheit' nicht nur nicht näher kommen,
sondern sogar die Möglichkeit einer Annäherung von uns
stoßen."

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