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ein Ziel, eine Richtung. Wenn man sagt, die Klassi
ker bilden eine Ausnahme, so behaupte ich, daß ihre
Tendenz sich nicht mehr im vollen Umfange erkennen
läßt, aber durchaus vorhanden war. Es hat beispiels
weise in Deutschland nie einen tendenziöseren Dich
ter gegeben als Schiller. Niemand ist so mißverstan
den und abgelehnt und dann mit einem so energischen
Elan auf die Bühne gestellt worden wie Schiller. Das
sollte zu denken geben." ‘
Auch hier zeigt sich, daß es Goebbels bei seiner Forde
rung nach dem einem jeden Land eigenen Filmstil durchaus
nicht auf die Betonung der jeweiligen Nationalität ankam,
sondern auf die in den jeweiligen Ländern herrschende Ideo
logie. Von den russischen Filmen wird nicht eine für den
russischen Nationalcharakter oder die russische Kultur typi
sche Eigenart erwartet, sondern die Präsentation des prakti
zierten Marxismus-Leninismus, vom italienischen Film nicht
der Ausdruck einer fast dreitausendjährigen Geschichte Ita
liens, sondern ein Zeugnis des gegenwärtigen faschistischen
Regimes, vom deutschen Film entsprechend das des "National
sozialismus". Auch hinsichtlich des US-Films wird nicht auf
eine nationale Eigenart hingewiesen, sondern auf ein Symptom
der Gesellschaftsform, das in den Augen der Konservativen
verpönt war, nämlich die angeblich von jüdischen Kapitalisten
inszenierten Revuefilme. Goebbels glaubt an den größeren
propagandistischen Effekt eines handwerklich gut gemachten,
scheinbar unpolitischen Films, weil dieser die Aversion des
?
Bürgers gegen offensichtliche Tendenz unterläuft. Aus die-
1 J. Goebbels, Rede, in: JbRFK 37, S. 75 f.
2 Vgl. dazu V. Abel, Wie schreibt man einen Film?, Wien 1937,
S. 26, der zu den Konservativen, aber nicht zu den Natio
nalsozialisten zu rechnen ist: "Als Norm mag gelten: Kei
ne Themen, die das Publikum bedrücken könnten. Keine Pro
bleme, die für die 'breite Masse' unverständlich sind oder
nur in endlosen Gesprächen gelöst werden können. Keine
tendenziösen Themen." - Vgl. dazu den der deutschen ideali
stischen Ästhetik eines Volkelt verpflichteten E. Iros,
Wesen und Dramaturgie des Films, S. 42: "Ordnet sich jenem
inneren, auf das Organische gerichteten noch ein anderer
Zweck über, so wird die innere Zweckmäßigkeit aufgehoben."

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