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Die Opposition der beiden Teile bringt überdies eine hier
im Text unausgesprochene Differenz zwischen nationalsoziali
stischer und "jüdischer", d. h. aber hier intellektueller
und aufgeklärter Weltanschauung zum Ausdruck. "Virtuos"
(als Ausdruck seelenloser Artistik) wird "echt künstlerisch"
gegenübergestellt, das "Zusammenspiel zwischen Publikum, Kri
tik, Ausstellung und Kunsterziehung", zusammengefaßt in dem
die "leblose" Mechanik bezeichnenden Wort "System", ist dem
Begriff "Entwicklung" gegenübergestellt, der dem Bereich der
organischen Welt angehört. Es fällt auf, daß bei der Aufzäh
lung der Faktoren, die das "Zusammenspiel" ausmachen, tat
sächlich nur die den Juden zugeschriebenen Eigenschaften
genannt werden: artifizielles Virtuosentum, zersetzende Kri
tik, geschäftstüchtiges Ausstellungsgebaren und der Glaube
an Bildbarkeit, also in diesem Fall an künstlerische Er
ziehung. Konsequent fehlt das, was Kunst erst eigentlich aus
macht: die aktive, schöpferische Produktion, die nur dem
Arier zugestanden wird. Diese Anlage ist nach nationalsoziali
stischer Auffassung von Natur aus im Blut mitgegeben, sie
kann sich erst, nachdem alle "Hindernisse und Hemmungen aus
-i
dem Wege" geräumt sind, wie es der NS-Staat vorgab zu tun,
"organisch entwickeln". Dieser organischen Vorstellung kor
respondiert auch das gewählte Verb für den gewaltsamen Tod
"ersticken". Polemisch steht dem das Verb "ausbilden" gegen
über, das auf die verachtete Wissenschaftsgläubigkeit des
Juden - und stellvertretend für ihn jedes Intellektuellen -
anspielt, der mangelnde Naturanlage durch Erziehung glaubt wett
machen zu können.
Ähnlich ist der Aufbau des nächsten Absatzes: den "sogenann
ten Salons", dem lichtscheuen Charakter und der mit den Juden
identifizierten "hauchdünnen Oberschicht" steht die "eigent
liche" Aufgabe der Kunst gegenüber: "Funktion des nationalen
Lebens" zu sein. Auch dieser Absatz wird in negativem Sinn ab
geschlossen: die Kunst ist "zu einer Funktion des gesellschaft-
1 J. Goebbels, Kunstpolitik, Rede, in: Die Zeit ohne Beispiel,
S. 211.

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