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der "Nation", der zudem, wie W. Abendroth nachwies, ' seit
der wilhelminischen Epoche als "Identifikation mit imperia
listischem Denken" galt. Kunst aber aus dem gesellschaftli
chen, gruppengebundenen Haum zu nehmen, in dem sie lebt, und
an einem staatspolitischen Begriff festzumachen, heißt, sie
von ihren sie konstituierenden Bedingungen zu lösen und
entweder nur einen ihrer möglichen Aspekte herauszugreifen,
oder sie insgesamt unter einer einzigen Perspektive zu be
trachten und ihre Vielfalt zu beschneiden. Sie wäre nach die
sem Verständnis Staats- und Auftragskunst, also ein Element
der tragenden Ideologie und ein Mittel ihrer Stabilisierung.
Sie enträt damit völlig ihres möglichen emanzipatorischen
Charakters und verliert ihre, wenn auch geringe, gesell
schaftliche oppositionelle Punktion, die Kunst gerade in Dik-
p
taturen haben kann.
3. Rhetorik der Darbietung
Die Wirkung der Hede beruht aber nicht zuletzt auch auf
der rhetorischen Technik, wie diese und die folgenden Absät
ze erkennen lassen. Am Anfang der beiden letzten und des fol
genden Absatzes steht die mit vielen pejorativen Attributen
aufgeladene Schilderung einer im ganzen negativ gewerteten
Situation: der Niedergang der Kunst. Neben der direkten in
haltlichen Aussage eines ganzen Satzes werden die pejorati
ven Reizwörter "virtuos", "Kritik", "System", "Gesinnungs
zwang" verwendet. Darauf folgt, kurz vor Schluß eines jeden
Absatzes eingeschoben, das positive Gegenbild: "jede echte
künstlerische Entwicklung".
1 W. Abendroth, Das Unpolitische als Wesensmerkmal der deut
schen Universität, in: Nationalsozialismus und die deut
sche Universität, Berlin 1966, S. 200.
2 Die Ansicht, dieser Charakter komme der Kunst in der Ge
sellschaft nicht zu, wird schon - neben der Auflockerung,
die z.B. die Beat- und Fopkultur gebracht hat- dadurch wi
derlegt, daß mit zu den ersten Maßnahmen eines jeden dikta
torischen Regimes Restriktionen auf dem kulturellen Sektor
gehören. Fürchteten Diktaturen nicht die mögliche Gefahr,
die ihnen von der Kunst her kommt, sie würden keine Zensur
nötig haben.

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