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indem sie Kunstproduktion und -rezeption von bestimmten
psychophysischen Dispositionen abhängig machte, die bald
biologisiert wurden und den Vertretern der höheren Kreise
Vorbehalten waren. Auf diese Weise entstand ein elitäres
Bewußtsein der oberen Schichten, das die gesellschaftliche
2
Hierarchie wiederum nur bestätigte. Von den Problemen, die
1 Vgl. zu dieser elitären Haltung auch: Ortega y Gasset,
Die Vertreibung des Menschen aus der Kunst (1925), Mün
chen 1964-, S. 7-39* Vgl. dazu die von mir zitierten S.9 f.
seines Aufsatzes auf S.100.A.3 dieser Arbeit.
2 Das gilt sogar für die kurz vor 1900 von Bartels und Lien-
hard proklamierte literarische und kulturpolitische Bewe
gung der "Heimatkunst", die sich - zumindest im theoreti
schen Programm - gerade als "Reaktion auf den großstädti
schen Naturalismus, den verbissenen Symbolismus, die pa
pierene Literatur geistreicher Dichtung" (A. Bartels,
Warum wir uns über die Heimatkunst freuen, Kunstwart 15,
2. Hälfte. S. 76) und der "Spielerei" des l'art pour l'art
verstand (F. Lienhard, Hochland, in: Heimat I, S. 9), wie
man sie bei Hofmannsthal im Wiener Kreis und um Stefan
George ausgeprägt fand. Heimatkunst, die sich programma
tisch von der Volksliteratur abhob, der gegenüber sie den
Vorwurf des Dilettantismus erhob (A. Bartels, Heimatkunst,
S. 17) in der Praxis aber kaum Werke von künstlerischem
Hang erzielte, wie Bartels bedauernd feststellte (ders.,
Heimatkunst. Ein Wort zur Verständigung, München 1904,
S. 15 f.), konnte aber gerade nicht Sprachrohr der Groß -
Stadtbevölkerung oder auch derjenigen sein, die die "Masse"
ausmachte und das potentielle Kinopublikum bildete. Denn
einmal verstand sich"Heimatkunst'' als "Rückschlag auf die
verflachenden und schabionisierenden Anschauungen der li
beralen Bourgeoisie und der leeren Reichssimpelei des deut
schen Philistertums wie auch des Internationalismus der
Sozialdemokratie" (ders., Heimatkunst. Blätter für Littera-
tur und Volkstum. Leipzig 1900, Bd. I, S. 10), zum andern
war -ihr Wertsystem bei Bartels rassisch bestimmt (vgl.
"Rasse und Volkstum") und bei Lienhard die unversehrte
Welt mit durchsichtigen Verhältnissen, die man von den
Kräften des Volkstums bestimmt sah und die nur die bäuer
liche sein konnte: "Mit der Schollentreue steht und fällt
das Beste unseres ländlichen Volkstums, [...] denn an ihr
bricht sich die revolutionierende Macht des revolutionie
renden Zeitgeistes" (H. Sohnrey, zit. nach: A. Kutscher,
Heinrich Sohnreys DorferZahlungen, in: Das literarische
Echo, 15. Jg., Berlin 1912/13, Sp. 1903). Heimatkunst konn
te und wollte nicht dazu beitragen, den "gedankenkurzen
Sohn des Werktags" aus seinem Los zu befreien, denn die
Aufgabe des Heimatdichters bestehe nicht darin, "körperliche
Not zu lindem" (F. Lienhard, Taubenschlagfelsen, in: Was
gaufahrten, S. 17)» ja noch nicht einmal darin, die Wider-

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