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Längs Vorliebe für einen hochstilisierten Formalästheti
zismus (der aber oft zu aussagekräftiger Dichte geriet),
die symmetrische Komposition vieler Einstellungen und
der langsame Bildrhythmus - alles wird zum Ausdruck der
zwingenden Konsequenz, mit der das Schicksal der Sagen
helden sich vollendet. Unbeweglich stehen Brunhildes
Mannen im Wasser und tragen die Brücke, über die sie an
Land geht. Und der Sockel von Alberichs Schatzgefäß
wird von lebenden Zwergen gebildet, die an ihre Last an
geschmiedet sind. Das sind Schlüsselfiguren: sie sym
bolisieren die Zwanghaftigkeit, mit der das Geschehen
abläuft. [...] Übereinstimmend haben verschiedene
Autoren die Affinität von 'Die Nibelungen' und 'Metro
polis' zum Nazismus festgestellt. Im Zusammenhang ge
sehen, enthalten die beiden Filme einen Katalog aller
wesentlichen Bestandteile der NS-Ideologie: 'Die Ni
belungen' den Kult des Nordischen, die Diffamierung des
'Undeutschen', die Unterordnung unter den Willen des
'Führers', die Vergötzung des 'Heldentodes'; 'Metropo
lis' die Verschleierung der sozialen Gegensätze, die
'Erlösung' des Proletariats durch den überlegenen, dem
Klassenkampf entrückten Führerwillen. Die Absurditäten
der Handlung, vor allem in 'Metropolis', gehen zweifel
los auf das Konto der Drehbuchautorin Theavon Harbou .
Überhaupt betrachtete Lang die Szenarien seiner Frau
wohl vornehmlich als Libretti, die ihm gestatteten, sei
ne Bild- und Bewegungsarrangements auf einen Handlungs
faden aufzuziehen. Aber eben diese Indifferenz dem Ge
schehen gegenüber stützt dessen antihumanen Aspekt:
Indem menschliche Schicksale abstrakten Kompositionen
unterworfen werden, wiederholt sich an ihnen, was ihnen
nach dem Willen der Autorin bereits angetan wird. Die
von Autoren wie Kracauer und Eisner beobachtete Paral
lelität zwischen Sequenzen aus 'Nibelungen' und den Ma
nifestationen der Nazi-Partei bezeugt, daß Längs Regie
konzeption objektiv nicht so frei von faschistischer
Ideologie war, wie seine subjektiven Überzeugungen es
sein mochten. Dieser Zwiespalt wurde offenbar, als zur
selben Zeit, da Lang in die Emigration ging, seine Fil
me von den Nazis für sich reklamiert wurden. [...] Es
ist die Faszination durch das Chaos, zu dem er aber
keine andere Alternative sah als die Diktatur. Ordnung
erscheint in allen seinen Filmen nur ad.s Ausrichtung
auf ein “achtZentrum, nie als lebendiges Wechselspiel.
In den künstlerisch gelungenen Partien von Längs Filmen
wird im Bild der durch Macht etablierten Ordnung zu
gleich auch etwas von der Unmenschlichkeit festgehalten,
die sie verursacht: so in den zitierten Bildern von den
Sklavenmassen in 'Metropolis'. Zum Kunstgewerbe degene
riert Längs Kunst aber, wann immer sich ihm der Blick
für die unlösliche Einheit von Macht un Destruktion
trübt."

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