- 131
Mit dieser Vorstellung von der dominierenden Holle des
eigenständigen Künstlers und der Bedeutung des Kunstwerks
konnte man in der damaligen bürgerlichen Gesellschaft aber
rechnen. Seit dem Verlust der Verbindlichkeit einer normati
ven Ästhetik und der im Zuge der Emanzipation des Bürgertums
entstandenen Geniebewegung glaubte man beim Publikum an die
Eigenständigkeit des Künstlers und war der Überzeugung, daß
Kunst die nur persönliche Aussage ihres Schöpfers sei und
daher unter Zwang niemals geschaffen werden könne. Die kom
plexen dialektischen Beziehungen zwischen Künstler, Gesell
schaft und der je eigenen Kunstgattung ignorierte man. Vom
Kunstwerk im allgemeinen galt, was Wolfgang Kayser noch 1948
speziell von der Dichtung sagte: "Eine Dichtung lebt und
entsteht nicht als Abglanz von irgend etwas anderem, sondern
als in sich abgeschlossenes sprachliches Gefüge." Daß die
Integration von Ästhetik und gesellschaftlicher Ideologie
nicht bewußt wurde, war ein Teil dieser Ideologie und hatte
ihre theoretische Rechtfertigung bereits durch Diltheys Schei
dung zwischen den Systemen der Kultur und ihren äußeren Orga
nisationsformen erhalten.
2. Die Pointe der Analyse des sozio-kulturellen
Punktionskreises "Pilm" bei 0. Kriegk
?
Kriegk und Panofsky erkennen, daß die notwendigen Eigen
schaften eines modernen Massenkommunikationsmittels (wie un
begrenzte technische Reproduzierbarkeit und auf Rentabilität
ausgerichtete Produktion mit durchorganisiertem Massenver
trieb) als Bedingungen für die Möglichkeit dieses neuen Me
diums zur postulierten, vornehmlich optischen Welterfahrung
zugleich seine Wirkung mitbestimmen. Pilm konnte nicht wie
etwa eine Brille wertfrei als nur technisches Hilfsmittel zur
besseren Welterfahrung eingesetzt werden, sondern enthüllte
im Gebrauch plötzlich seine herrschaftstechnische Funktion
1 W. Kayser, Das sprachliche Kunstwerk, Bern 1948, Vorwort.
2 W. Panofsky, Die Geburt des Films, S. 9; vgl. Kap. D.I.a)1.

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.