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"Die Kamera sieht mehr als das menschliche Auge. Sie
steigert den Eindruck, aber Immer nur den Eindruck
dessen, was mit Licht und Schatten auf dem Filmband
aufgefangen wurde. Ist nun der Eindruck, den die Ka
mera aufnahm, wahr, oder ist er etwa gemacht? Er
braucht auch dann nicht wahr zu sein, wenn die Kamera
inmitten der Wirklichkeit aufgestellt war. Man kann
Ausschnitte abbilden. Man kann am Schlechten oder
Minderwertigen vorbei nur das Gute oder Erhabene auf
nehmen. Man kann in der Wiedergabe, z. B. einer Ar
beitersiedlung, neue Neubauten aufnehmen, und die Ka
mera an schmutzigen und halb verfallenen Hütten vor
übergehen lassen. Und man kann auch retuschieren. Es
ist entscheidend geworden, in wessen Hand die Kamera
ist. Der gute oder böse Wille, Einsicht oder Einfalt
bestimmen das Bild."1
Hier hat Kriegk sehr genau die Qualität der Filmwirkung
erkannt und die Möglichkeit zur Ideologiebildung aufgezeigt.
Nun lag eine Bedingung für die Möglichkeit der Meinungsbil
dung bereits bei demjenigen, der für die Gestaltung des Bilds
verantwortlich war. Die Photographie, der man vorbehaltlos
die objektive Wiedergabe der Bealität zuerkannte, weil der
technische Vorgang und die "unbestechliche" Linse des "Ob
jektivs" keinen persönlichen Gestaltungseinfluß zu gestatten
schienen, konnte nicht mehr naiv als Substitution der Wirk
lichkeit angesehen werden, sondern nur noch als konkretisier
te private Welt-Anschauung des Kameramanns, die ihren Wahr
heitsgehalt in sich selbst als eine innerbildliche, künstle
rische Wahrhaftigkeit haben mochte, der aber keine Allgemein
verbindlichkeit mehr zukam. "Gibt es denn keine Objektivität
p
im Bild?" fragt Baläzs und kommt zu dem Schluß "Gewiß, doch
mehr das vorgestellte Bild eigenen Vorstellungen ent
spricht, wird also von niemandem geleugnet und Bedingungen
zugeschrieben, die auch die Psychologie in der Kritik der
Nachahmungstheorie bestätigt: sie "funktioniert nur im Bah-
men bestimmter Vor-verbundenheiten" (Fischerlexikon "Sozio
logie", S. 177). - Ein wichtiger Teil der NS-Filmästhetik
besteht darin, die Bedingungen für diese Vor-verbundenhei
ten zu eruieren; vgl. dazu Kap. F.II.
1 0. Kriegk, Der deutsche Film, S. 105.
2 B. Baläzs, Der Geist des Films, S. 34-.

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