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der Art seiner Gestaltung archaische Eunstform. Dies mag meh
rere Grunde haben. Einmal gehörten diejenigen, die sich ihm
widmeten, im allgemeinen nicht zur künstlerischen Avantgarde
und brachten auf diese Weise nur ihre unausgebildeten künst
lerischen Talente im Film zur Entfaltung. Andererseits mußten
seine Gestaltungsmittel erst im Laufe seiner Entwicklung ge
funden werden, und ihre Anwendung wurde, zumindest im kom
merziellen Betrieb, oft von der Sorge begleitet, sie einem
noch Film-ungewohnten Publikum überhaupt bieten zu können.
Das Milieu des Rummelplatzes, auf dem der Film groß wurde,
und das dementsprechende Publikum haben nicht unerheblich
dazu beigetragen, daß sich bestimmte Gestaltungsschemata
entwickelten und Typisierungen in der Zeichnung der Gestal
ten notwendig waren, um dem noch neuen Betrachter ein klares
Bild der Handlung geben zu können. Auch der Darstellungs
stil auf dem Theater zur Zeit des deutschen Expressionismus
ist nicht ohne Einfluß geblieben -und verlieh dem Film gewis-
2
se künstlerische Legitimation.
Der Verzicht auf differenzierte Ausgestaltung galt der
NS-Filmtheorie als Gewinn: Das am bewegten Bilde sich ein
stellende spontane Erlebnis lasse kritische Reflexion gar
nicht mehr zu, da diese Bilderfahrung unmittelbar ins Be
wußtsein eingehe: "die emotionale Gestaltung des Einzelnen
*
wird [•••] ausgeschaltet". J Weil das Erleben an der bildli-
1 Daß diese Form nicht allein von den Produktions- und Kon
sumationsverhältnissen abhing, sondern von den o.a. Fakto
ren, so daß man in gewisser Weise von einem Strukturzwang
sprechen kann, zeigt die erstaunliche Tatsache, daß auch
H. v. Hofmannsthal und der Kreis um K. Pinthus sich mit
ihren Drehbüchern von diesem Niveau nicht zu lösen vermoch
ten; vgl. dazu K. Pinthus, Das Kinobuch, Leipzig 19.14; der
Beitrag von H. v. Hofmannsthal ist teilweise abgedruckt bei:
A. Estermann, Die Verfilmung literarischer Werke, Bonn
1965» S.212 ff.
2 Als die beiden bekanntesten Beispiele für derartige deut
sche Filme können gelten "Das Kabinett des Dr. Caligari"
(1919) und "Metropolis" (1927).
3 W. Panofsky, Die Geburt des Films, S. 17.

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