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sal des zeitgenössischen Menschen analytisch aufzudecken, und
den aus seiner "Mitte" heraus lebenden Menschen in seinem
Selbstverständnis zu erschüttern. Statt dessen erstrebte
man die Darstellung des ungebrochenen Typus und sah im Film
die Chance, diesen Wunsch zu verwirklichen. Allerdings werde
der Filmdichter
"[...] ein anderer sein müssen als Romantiker oder
Literat. Denn der Film ist eine Probe auf die Einfach
heit, ein Zwang zur Verallgemeinerung. Diese Verall
gemeinerung ist durchaus ein gesunder Zwang, nachdem
die Differenzierung, die Unterscheidung und die Spal
tung in Europa so weit gediehen ist, daß eine Anarchie
von Wort und Wert zur Folge wurde. Durch die Unbe
stechlichkeit der Kamera wird der Film dagegen zu
einer Kontrolle der Zeit über sich selbst und zu einer
notwendigen Übereinkunft eindeutiger Inhalte, in denen
sich das Fühlen von Millionen trifft."2
Der Film bot "die Möglichkeit, das Leben sinnfälliger,
vielfältiger und ursprünglicher zu deuten als die traditio
nellen Künste"^ und wurde als die Ablösung der bestehenden
Form des Theaters angesehen: "[...] ist es nicht schön, daß
das abstrakte Wort durch die Anschauung ergänzt und zum Teil
abgelöst werden kann? Soll man nicht die Hoffnung daran
knüpfen, daß wir vom Buchstabenmenschen wieder zum Augenmen-
4
sehen werden?"
Der Film war, was man wieder zu erreichen suchte und bei
den traditionellen Künsten nicht fand: archaische Kunstform.
Konnte das psychologisierende Theaterstück nach dieser Mei
nung den Zugang zum Volk nicht finden, weil die begrifflich
differenzierte Sprache nicht in Bilder umgesetzt werden konn
te, so beseitigte der Film diesen "Mangel" in vielerlei Hin
sicht. Er war bis in die 20er Jahre hinein als Stummfilm in
1 Vgl. dazu S. 100.
2 R. Bie, Emil Jannings, S. 20.
5 Ders., ebd., S. 11.
4- Helene Lange, zit. bei: W. Panofsky, S. 68.

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