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"Das Bild ist durch die optisch erfaßbare Abbildung
eines Seins oder eines Vorgangs, die sich unmittelbar
in eine visuelle Bewußtseinsvorstellung umsetzt, die
klarste, einfachste und allgemeinverständlichste Form
einer Erlebnisübermittlung, da beim Wort- oder Schrift
erleben die Umwandlung in visuelle Vorstellungsbilder,
die zur vollendeten verstandesmäßigen Aufnahme notwen
dig ist, mittelbar geschieht. Worterleben und Lesepro
zeß sind dadurch,daß sie die individuelle Phantasie
zur vollendeten Bewußtseinsaufnähme einsetzen müssen,
dem Bilderleben an Eindeutigkeit und Unmittelbarkeit
unterlegen." (14)
A
Bereits Lessing, auf den man sich sonst so gern berief,
hatte aber erkannt, daß diese vermeintliche Umsetzung eines
Worts von seinem Begriffsinhalt in ein entsprechendes Bild
nicht immer stattfindet, wenn er in seinem "Laokoon" auf die
Eigenwertigkeit des Sprachklangs eingeht, der als ein we
sentliches Gestaltungsmittel die Literatur strukturell in
folge ihrer "eigenen Beschaffenheit" von der Malerei abhebe:
"Wenn Virgils Laokoon schreiet, wem fällt es dabei ein, daß
ein großes Maul zum Schreien nötig ist, und daß dieses große
Maul häßlich läßt? Genug, daß clamores horrendos ad sidera
tollit ein erhabner Zug für das Gehör ist, mag er doch für
das Gesicht sein, was er will. Wer hier ein schönes Bild ver
langt, auf den hat der Dichter seinen ganzen Eindruck ver
fehlt." 1 2
Die "Tatsache, daß die Massen nur in Bildern denken kön
nen" (13), wird als Rechtfertigung angesehen, ihnen nur bild
liches Informationsmaterial zu bieten. Begründet wird diese
"Tatsache" durch den Sprachgebrauch, den man unkritisch als
Spiegelung des Volksgeists ansieht und der diese Erfahrung
durch seine Redensarten zu bestätigen scheint. "Das Bild war
stets die Sprache des Volkes, der glaubwürdige und leicht er
faßbare Rückhalt, an dem sich seine Einbildung und seine in
nere Vorstellung formen konnten." (15)
1 Vgl. Kap. C.
2 GJMLessing, Laokoon, in: Lessing, Leipzig 1952, S. 154.

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