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Herder und seinen Begriff des "Volksgeistes" eine Wendung
zum Positiven. In der Kulturkritik und dann im Programm der
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NSDAP wurde "Volk" zu einem "Zentralwort der NS-Sprache"
aufgewertet: Der Masse können daher alle Qualitäten zuge
schrieben werden, die in der Kulturphilosophie seit Herders
Zeit dem Volk zuerkannt wurden.
Danach sei die Masse allem Gefühlsmäßigen und Irrationa
len weit eher zugänglich als differenzierter intellektueller
Überlegung und Argumentation. Da man sie nach ihrem Verhal
ten als Organismus betrachtet, ordnet man ihr auch Denkwei
sen zu, die einem lebenden Wesen, in diesem Falle einem weib
lichen, eigen sind. Das der Masse unterstellte Bewußtseins
schema geht dabei auf eine Vermengung platonischer und
idealistischer Seelenvorstellungen zurück, die wiederum beide
vom Primat des Rassismus beherrscht werden. Nach dieser Auf
fassung hat die Masse eine von literarisch-begrifflicher Ge
lehrsamkeit unberührte Seele, die mit einer Fülle von ange-
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bornen oder durch Erfahrung gewonnenen Bildern ausgestattet
ist, die als Abbilder der idealen Erscheinungen gelten.
Trifft der Blick des Betrachters auf die Dinge der Außen
welt, dann ordnet er sie den in seiner Vorstellung vorhande
nen Urbildern zu.
Die bildliche Erfassung der Erscheinungen wird hier ihrer
Aufnahme ins Bewußtsein gleichgesetzt. "Erst wenn man 'im
Bilde' ist, wenn man sich 'ein Bild machen kann', ist die
Bewußtseinsaufnahme und die verstandesmäßige Registrierung
vollzogen" (15). Man glaubte, das Wort müsse erst aus seinem
Sinngehalt in ein passendes Bild übertragen werden, um im Be
wußtsein wirken zu können. Die "Umformung des Wort- und
Schrifterlebnisses in visuelle Vorstellungsbilder [wurde]
stets als Endziel der Bewußtseinsaufnähme" (15) angesehen.
1 C. Beming, Vom "Abstammungsnachweis", Berlin 1964-, S. 191
2 Diese beiden - grundsätzlich verschiedenen - Auffassungen
werden nicht auseinandergehalten.

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