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mittelt werden mußte, durah seine Teilnahme daran mitgeschaf-
fen zu haben. Durch die Präsentation äußerer, formal schöner
Gruppierungen wird ihr das Odium der gestaltlosen Menge ge
nommen. Hier hatte der Film als Vermittlung dieses Bildes
seine Aufgabe, denn seiner "massenhaften Produktion kommt die
Reproduktion von Masse besonders entgegen", hier "sieht die
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Masse sich selbst ins Gesicht". Variable Brennweite und eine
im Auge des Zuschauers nicht mögliche Perspektive bedingen,
daß sich die Massen "im allgemeinen der Apparatur deutlicher
dar[stellen] als dem Blick. Kader von Hunderttausenden las
sen sich von der Vogelperspektive aus am besten erfassen.
[...] Das heißt, daß Massenbewegungen [_...] eine der Appara
tur besonders entgegenkommende Form des menschlichen Verhal-
x
tens darstellen.
Hier hat der Film seine doppelte Funktion: "die Massen zu
ihrem Ausdruck (beileibe nicht zu ihrem Recht) kommen zu las-
sen", wie z. B. in dem Reichsparteitagfilm "Triumph des
Willens",^ oder als Vermittler dieser Führerideologie zu
fungieren. Diesen Zweck erfüllten die zahlreichen Streifen,
die ein Geschehen um große geschichtliche Persönlichkeiten
rankten, um durch die historischen Beispiele ex eventu die
konservative Idee zu rechtfertigen, daß sich eine starke In
dividualität trotz widriger äußerer Umstände stets durchsetzet
1 W. Benjamin, Das Kunstwerk, S. 63.
2 Ders. ebd.
3 Ders., ebd.
4 Ders., ebd., S. 48.
5 Vgl. dazu die Tafel II und III.
6 Ein Höhepunkt in der Auseinandersetzung um dieses konserva
tive Dogma, bevor es im Dritten Reich staatlich sanktio
niert wurde, war die literarische Fehde zwischen Adolf
Bartels und August Bebel, die in dem "Schuster Goethe"-Auf-
satz von Bartels gipfelte. Hier polemisiert er gegen Bebel,
der Goethes Stellung weitgehend seiner großbürgerlichen Her
kunft und ihrer Vorzüge zuschreibt, mit dem Argument, Goethe
wäre auch zu dieser Einzigartigkeit gelangt, wenn er der
Sohn eines Schusters gewesen wäre. Vgl. A. Bartels, "Schu
ster Goethe", Eine Unterhaltung mit Herrn Bebel (= Deutsche
Welt, 20. November 1904), in: Rasse und Volkstum, S.46 -Vgl.

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