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II. Film als Maasenausdrucksmittel
Der Film schien aus Bedingungen entstanden zu sein, die
der Zeitgeist geschaffen hatte. Die aus der Bevölkerungszu
nahme resultierende Notwendigkeit, sich enger zusammenzu
schließen, postulierte ein Nachrichten- und Erlebnismittel,
das der Nachfrage und den erhöhten Anforderungen einer großen
Zahl von Informationsbegierigen genügen mußte. Unbegrenzte
technische Reproduzierbarkeit, Realitätsnähe und leichte Er-
faßbarkeit waren jetzt einerseits die Voraussetzungen, unter
denen ein neues Kommunikationsmittel wie der Film entstand,
auf der anderen Seite prägten sie aber auch seine äußere Er
scheinungsform als Massenmedium, denn auch in seiner techni
schen Anlage und wirtschaftlichen Struktur stellte er ein
völliges Novum dar. Wegen der hohen Herstellungskosten war er
auf den Zuspruch der Massen angewiesen, deren Wünsche er folg
lich zu berücksichtigen hatte und auf deren Geschmack er
rückwirkend Einfluß nahm. Kunstverehrer, die einer konserva
tiven Ästhetik huldigten, standen ihm ablehnend gegenüber, da
er die Individualität zerstöre, alle Zuschauer "vermasse",
durch seine suggestive Kraft die Phantasie lähme und die Ent
faltung zur Persönlichkeit behindere. Diese faszinierende Wir
kung auf die Zuschauer werteten Diktaturen der verschiedensten
Ideologien für sich aus. Beide, Masse und Film, waren für
sie Exponenten der Macht: Der Film als wirksamste Kunst eines
totalitären Regimes und ihr geeignetstes Mittel zur Propa-
ganda; die gelenkte Masse als ihr Ziel, Voraussetzung und
Garant der Macht. Zugleich war sie eines der wirkungsvollsten
Gestaltungsobjekte dieser neuen Kunst, weil die Masse am stärk
sten auf Scenen reagierte, in denen sie sich selbst gegenüber-
1 Vgl. dazu W. Benjamin, der bereits 1936 in seinem Aufsatz
"Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzier
barkeit" das komplexe Verhältnis von Masse-Film-Faschismus
untersucht: Amm. 31 auf S. 63 (hier zit. nach ed. suhrkamp
28, Frankf. a. M. 1963) ..]in den Massenveranstaltungen
r«•.Jsieht die Masse sich selbst ins Gesicht. [...] Massenbe
wegungen stellen sich im allgemeinen der Apparatin? deutlicher
dar als dem Blick. Kader von Hunderttausenden lassen sich von
der Vogelperspektive aus am besten erfassen,"

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