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Ritus vermochte man nirgends mehr zu spuren. Demgegenüber
drängte die neu entstandene "Massengesellschaft" zu einem
ihr gemäßen Ausdrucksmittel, das natürlich nun nicht mehr al
lein auf dem Boden tradierter Kulturgüter wachsen konnte:
"Da tauchte gerade im rechten Moment - gesetzmäßig.
nicht zufällig - der Film auf. Hier hatte man, was man
brauchte. Erstens einmal setzte er gar nichts voraus,
weder Bildung noch Bemühung war notwendig, um für bil
liges Geld sofort zu heftigstem Genuß zu kommen. Film
war reine Bildersprache, die für jedermann leicht faß
lich sein mußte. Tor allem aber, und das war das Wich
tigste, er war zu vervielfältigen,man konnte ihn als
Massenartikel vertreiben." (25;
ständnis des heutigen Menschen, und damit auch des Theaters,
notwendig waren, ist auf das Welt- und Menschenbild des
Bildungsbürgertums zurückzuführen, das an "eben diese Zwei
teilung in die Klassen derer, die verstehen, und derer, die
nicht verstehen" (Ortega y Gasset, Die Vertreibung des Men
schen aus der Kunst, (1925) München 1964-, S. 9)» glaubte,
die mit Ortega y Gasset der Überzeugung sind, "daß die
einen ein Aufnahmeorgan besitzen, das den anderen offenbar
versagt ist; daß es sich um zwei Varietäten der Spezies
'Mensch' handelt." (Ders. ebd.) Der zweifellos richtige An
teil in dieser Erkenntnis, daß für den Künstler größere Sen
sibilität vonnöten ist, die mit einer bestimmten biologi
schen Struktur Zusammenhängen kann, wird aber verabsolutiert
und dient dazu, aus Faktischem auf nicht mehr Veränderbares
zu schließen, ohne die Ursachen aufzuspüren, die dann die
sem aristokratischen Herrschaftsanspruch die Basis nehmen
würden. "Die Zeit naht, wo sich die Gesellschaft - von der
Politik bis zur Kunst - nach Recht und Billigkeit in zwei
Reihen, in zwei Rangstufen ordnen wird: in Auserlesene und
Gewöhnliche. Diese neue segensreiche Ausscheidung wird al
les europäische Mißbehagen heilen. Die undifferenzierte,
chaotische, formlose Einheit ohne anatomische Struktur und
bindende Traditionen, in der wir anderthalb Jahrhunderte ge
lebt haben, kann nicht fortdauem. Unter jeder Lebensregung
unserer Epoche steckt eine entscheidende und aufreizende Un
gerechtigkeit: die falsche Voraussetzung der Gleichheit al
ler Menschen. Jeder Schritt unter Menschen zeigt uns so of
fensichtlich das Gegenteil, daß jeder Schritt ein schmerz
haftes Straucheln ist." (Ders. ebd., S. 10)
1 Vgl. Anm. 5 auf S.100 ; außerdem F. Stepun, Theater und
Kino, Berlin 1932, S. 14, 69, 71 f.; vgl. W. Liebeneiner,
Die Harmonie von Bild, Wort und Musik im Film, in: JbRFK 39,
S. 153 ff.; 0. Lehnich, Ansprache, in: JbRFK 38; R. Bie,
Emil Jannings, Berlin 1938. 8. 10.

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