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"Jetzt aber waren die vitalen Grundlagen entzogen.
Der Mensch stand nicht mehr in klaren, einfachen Be
ziehungen zu seiner Umwelt, er gestaltete nicht mehr
seine Arbeit, sondern seine Arbeit gestaltete ihn. Nun
degenerierten starke Triebe, der Formwille verkümmerte,
nur unklare Sehnsucht nach Lebensgenuß blieb übrig. In
dieser Zeit aber war es üblich, alle Bedürfnisse in
dustriell auszuwerten." (24)
Das Negative wird im kulturellen Niedergang gesehen,nicht
in der Ausbeutung der Arbeiterschaft. Daß sich nachher im
Film eine Lösung fand, Kunst für die Masse bei gleichbleiben
den Besitz- und Arbeitsverhältnissen zu schaffen, ist die
Pointe aller entwicklungsgeschichtlichen Betrachtungen der
Filmtheoretiker im Dritten Beich.
Das Unmenschliche einer Kultur, die die alles überdauern
den Kunstwerke über die notwendigen materiellen Bedürfnisse
stellt, zeigt sich darin, daß die erkannten Zustände nicht
zum Anlaß einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen genommen
werden, sondern als Grund, die angeblich hierdurch bedingte
"Dekadenz starker Triebe" und die "Verkümmerung des Form
willens" zu beklagen - obwohl es doch nicht die Künstler sind,
die in diesen Arbeitsprozeß eingespannt waren. Daß die ver
schiedenen Ausformungen von Kunst bis ins 18. Jahrhundert
hinein jeweils standesgebunden waren, nach der Emanzipation
des Bürgertums vom Adel und der gleichzeitigen gesellschaft
lichen Anerkennung des Künstlers aber diese Selbstverständ
lichkeit in Frage gestellt war, mag man nicht sehen. Man
gibt, ohne nach den Bedingungen ihrer Möglichkeiten zu fra
gen, der "Vermassung" die Schuld, obwohl das neuentstandene
Proletariat von den dem Bürger möglichen Bildungschancen aus
geschlossen war, die ihm die Kunst zum selbstverständlichen
Besitz hätten werden lassen. Statt dessen hypostasiert
Gronostay:
"Bisher war jede Kultur total gewesen. Das zentrale
Lebensgefühl war in früheren Epochen Allgemeingut. Von
einer Herzmitte gingen die Strahlen aus, die alle er
faßten. Es war nicht so, wie eine tendenziöse Ge
schichtsschreibung gern behauptet, daß oben ein paar
Mächtige saßen, die alle Kulturgüter an sich rissen,

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