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eine größtmögliche Massenwirkung abgestimmt sind. Wie
gefährlich solche Bestrebungen sein können, wenn nicht
der Staat als oberste Führungsinstanz,' sondern verein-
zelne [wohl Druckfehler für: vereinzelte] Privatunter
nehmer ohne entsprechendes Verantwortungsbewußtsein da
mit arbeiten, das zeigten die ersten Jahre der Kinema
tographie. Geleitet nur von geschäftlichen Instinkten
setzten die Pilmunternehmer zumeist eine genormte gei
stige Konfektionsware vor, wie sie primitiver kaum mehr
erdacht werden konnte. Eine geistige Maßschneiderei war
entstanden, einzelne Zentralen stellten den gewünschten
Artikel her und vertrieben ihn durch ihre Filialen, de
nen man die Lichtspieltheater ohne weiteres gleichset
zen kann. Diese neuen Verteilungsformen auf geistigem
wie auf wirtschaftlichem Gebiet sind mitbedingt durch
das Anwachsen der Großstädte und das Aufkommen einer,
vom soziologischen Standpunkt aus gesehen, neuen Be-
völkerungsSchicht: den Werktätigen. 1895* im Geburts
jahr des Films also, gehören in Deutschland über 35 Mil
lionen zur Arbeiterbevölkerung und nur 12,5 Millionen
zum Kleinbürgerstand. Dieser neuen Volksschicht, die
traditionslos in der Großstadt aufwuchs, waren die alt
hergebrachten Vergnügungsstätten entweder aus angebli
chen Standesgründen verschlossen oder entsprachen nicht
ihrem Verlangen." (9)
Hier mündet Panofsky in die Kulturkritik. Sein "oder" im
letzten Satz weist ihn wiederum als Anhänger der Meinung aus,
diese Haltung der Masse sei naturbedingt, ohne daß er nach
den Bedingungen fragt, die sie diese Haltung einnehmen ließ.
Im folgenden eröffnet er eine Perspektive, die die Eroberung
des Kinos durch die Masse rechtfertigt: das Theater habe
"sich im Verlauf seiner Entwicklung immer mehr vom Volke ent
fernt" (10). 1 2
1 Vgl. dazu Kap. D. II. c.
2 Daß dieser Prozeß zumindest auch anders interpretiert wer
den kann, verhindert der methodische Ansatz. Es dürfte aber
eher so gewesen sein, daß das Theater sich konsequent wei
terentwickelt hat, die Proletarier aber nicht die gleichen
Bildungschancen hatten, die für sie die Bedingung der Mög
lichkeit gewesen wären, das Theater als selbstverständli
chen Kulturbesitz anzusehen . - Vgl. dazu Kapitel D.I.a)33.

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