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Weltgeist, der sich, in der Gesellschaft "expliziert und ma-
nifestiert", sondern auf eine nicht mehr befragbare biolo
gische Erscheinung. Indem die Bevölkerungszunahme "als Grund
lage aller Zeiterscheinungen des vergangenen Jahrhunderts
(wie der Gegenwart)" (11) angeführt und als lebensgesetzli
cher Vorgang erklärt wird, wird sie ontologisiert und dem Be
reich analytischer Wissenschaft entzogen - mit ihr aber auch
alle die Probleme, die die Bevölkerungsexplosion verursacht
p
haben und sie bis in die Gegenwart begleiten. Wie enthumani-
siert dieses Weltbild ist, zeigt sich an der Stellung, die
der Mensch in ihm einnimmt: daß er letzten Endes die Ursache
für die BevölkerungsZunahme ist, wird nicht reflektiert, der
art ist er bereits aus dem Blickpunkt der Betrachtung gerückt
und zur Punktion in einem Naturprozeß geworden.
Die Bedingungen für die Möglichkeit dieser Bevölkerungsex
plosion, etwa die infolge des raschen Aufschwungs der Medizin
(vor allem im Bereich der Hygiene) erhöhte Lebenserwartung,
werden daher nicht als Äie bedingende Faktoren betrachtet,
sondern stets als ihre Folge. Aus einem so verstandenen Ge
schichtsbegriff resultiert eine Wissenschaft, die den Menschen
1 G. W. F. Hegel, Die Vernunft in der Geschichte, Frankfurt
1955, S. 71.
2 Vgl. H. Marcuse, Der Kampf gegen den Liberalismus, S. 19:
"Die Interpretation des geschichtlich-gesellschaftlichen
Geschehens auf ein naturhaft-organisches Geschehen hin
greift hinter die wirklichen (ökonomischen und sozialen)
Triebfedern der Geschichte zurück in die Sphäre der ewigen
und unwandelbaren Natur. Die Natur wird gefaßt als eine Di
mension mythischer Ursprünglichkeit [...], die sich in allem
als eine vorgeschichtliche Dimension charakterisiert, mit
deren umgestaltender Überwindung die Menschengeschichte in
Wahrheit allererst beginnt. Die mythisch-vorgeschichtliche
Natur hat in der neuen Weltanschauung die Funktion, als der
eigentliche Gegenspieler gegen die selbstverantwortliche
rationale Praxis zu dienen. Diese Natur steht als das schon
durch ihr Dasein Gerechtfertigte gegen alles, was erst der
vernünftigen Rechtfertigung bedarf, als das schlechthin nur
Anzuerkennende gegen alles erst kritisch zu Erkennende, als
das wesentlich Dunkle gegen alles, was nur im erhellenden
Lichte Bestand hat, als das Unzerstörbare gegen alles der
geschichtlichen Veränderung Unterworfene."

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