Full text: (1908/09)

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So lebhaft Esmarchs Interesse für die Chirurgie des Krieges 
war, der weitaus größere Teil seiner chirurgischen 
Tätigkeit spielte sich fern vom Schlachtfelde ab, in 
seiner Klinik in Kiel, der er seit 1846 als Assistent angehörte, 
und der er von 1854 bis 1899 als Direktor Vorstand. In der langen 
Zeit von 45 Jahren hat er die Leiden der Menschheit zu heilen und 
zu lindern versucht, soweit er es vermochte, mit klugem Verstand, 
mit warmem Herzen und sicherer Hand. Viel Glück und Segen hat 
er gegeben, viel Glück mag er selbst empfunden haben ob seiner 
großen, berühmten Erfolge. Aber auch Sorgen und Kummer, bange, 
nagende Zweifel sind ihm nicht erspart geblieben. 
Es gehört zum Wesen der forschenden Wissenschaft, daß sie 
ihre Jünger oft an die Unvollkommenheit menschlicher Einsicht 
mahnt, daß sie über kurz oder lang führt an die Grenzen mensch 
lichen Könnens. So auch, und noch härter wird der Arzt gemahnt 
an Unvollkommenheit und Grenzen, härter, weil seine Arbeit dem 
Menschenleben gilt, und besonders der Chirurg, der sich im 
Vertrauen auf sein Wissen und Können vermißt, seine Kranken durch 
das finstere Tor der Gefahren und Schmerzen hindurch zu neuer 
Gesundung zu führen. Wenn ich das noch bekenne und ausspreche 
heute, wo wir die chirurgische Wissenschaft auf einer stolzen Höhe 
täglicher, sicherer Erfolge sehen, welch schwere Jahre mag Esmarch, 
der Mann mit dem warmen, humanen Herzen in der ersten Zeit 
seiner chirurgischen Laufbahn durchgemacht haben! 
In einem Festvortrage auf der 25. Versammlung deutscher 
Chirurgen hat Esmarch, auf sein chirurgisches Leben zurückblickend, 
klar ausgesprochen, daß ihm drei Umstände vor allem die Aus- 
übung der Chirurgie verbittert hätten: die Schmerzen, 
welche man durch die Operation den Kranken verursache, die 
Lebensgefahr, der man sie durch die Operation und durch die 
Infektion aussetze und drittens die Menge von Blut, die man den 
Patienten meist ohne Not entzieht. Und daß Esmarch es erlebte, wie 
die drei Übelstände zum größten Teil beseitigt wurden, und daß er 
durch persönliche Mitarbeit die Lösung dieser Probleme mit herbei 
geführt hat, das hat ihn am Abend seines Lebens mit inniger Freude 
und mit um so berechtigterer Genugtuung erfüllt, als er in seinen 
jungen Jahren unter diesen Mängeln der chirurgischen Methoden 
schwer gelitten hatte. 
In den ersten Jahren seines Studiums gab es noch keine 
Narkose. Die Operationen wurden auf die notwendigsten einge-
	        
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