Full text: Chronik der Universität Kiel für das Jahr 1908/09 (1908/09)

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welche Schüler dem Lehrer, Freunde dem Menschen, Patienten dem 
Arzte Esmarch gezollt haben. Ich will lieber davon sprechen, was 
er meiner Wissenschaft, der Chirurgie, gewesen ist: Wir wollen 
den Namen des Forschers Esmarch aufschlagen im Buche der 
Geschichte der Chirurgie und wir werden ihn dort finden. Denn es 
gibt kaum eine Wendung, kaum eine große Neuerung in dieser so 
kurzen und ereignisreichen Geschichte, an der er nicht mitgearbeitet 
und in irgend einer Weise teilgenommen hätte. Nicht dem 
Menschen, nicht dem Arzte gönnt die strenge Wissenschaft langes 
Andenken, sondern dem Forscher: mit seinen Taten und Ideen 
gräbt er selbst seinen Namen in ihre Tafeln ein! 
Esmarchs chirurgische Laufbahn begann unter glücklichen 
Auspizien. 
Wie für die anderen medizinischen Wissenschaften, so be 
deutet auch für die Chirurgie die Mitte des vorigen Jahrhunderts 
einen entscheidenden Wendepunkt und hat ihr einen mächtigen 
Aufschwung gebracht, welcher besonders tief empfunden werden 
mußte, da die Chirurgie früher als ein unehrlich Gewerbe verfehmt 
und verachtet gewesen und von medizinisch und akademisch ge 
bildeten Ärzten kaum ausgeübt worden war. Zwar wurde sie später 
als Unterrichtsgegenstand in die medizinische Fakultät aufgenommen, 
aber die praktische Chirurgie blieb noch lange mißachtet und trat 
weit in den Hintergrund gegen ihre geehrte und gelehrte Schwester, 
die interne Medizin. Fördernd auf die Chirurgie wirkte besonders 
die neue naturwissenschaftliche Denkweise, welche mit den erstarrten 
traditionellen Anschauungen aufräumte; fördernd wirkte auch der 
Ausbau der Pathologie und Physiologie und der anderen medizinischen 
Wissenschaften. Der eigentliche Aufschwung aber kam durch einige 
wichtige Entdeckungen, die aus der Chirurgie erst das gemacht 
haben, was wir heute darunter verstehen: Narkose und antiseptische 
Wundbehandlung. In diese Jahrzehnte kräftiger Entwickelung und 
ungeahnten Aufschwunges fallen Esmarchs Jugend- und Mannes 
jahre. Ihm ist es vergönnt gewesen, die moderne Chirurgie von 
ihren ersten Anfängen an bis zu ihrer jetzigen Höhe mit zu erleben, 
und nicht nur mit zu erleben, sondern auch mit zu schaffen und 
mit zu fördern. 
Bernhard von Langenbeck, der größte deutsche Chirurg 
des vorigen Jahrhunderts, wurde hier in Kiel sein erster Lehrer. Mit 
dem ihm eigenen scharfen Menschenblick erkannte dieser sofort 
die große Befähigung seines Schülers und erwählte 1846 ihn, den
	        
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