Full text: (Band XXVIII.)

20 
leisten vermöge, fällt sie rasch in Starre, die Starre byzantinischer Vorder-Ansicht, 
viel schlimmer als jene altertümliche Steife und Gebundenheit. 
Als sie nach Jahrhunderten aus dieser erwacht, beginnt von neuem das Ringen der 
beiden Prinzipien. Das 13. Jahrhundert, die Blütezeit mittelalterlicher Plastik, 
führt den Sieg des Idealismus, besonders — unter dem Einfluss des Madonnen-Typus — 
im Frauenportrait, in Frankreich und D euts chland herauf, während England seine 
Wahlverwandschaft mit Rom, wie überhaupt in der Kunst, so auch darin bekundet, 
dass es schon damals nur möglichst treue Wiedergabe der Erscheinung vom 
Portrait verlangte. Das 15. Jahrhundert sieht den Sieg des Realismus, am voll 
ständigsten in Italien, in den Werken der toskanischen Schule, das 16. auch im Norden. 
Unter dem Einfluss Berninis im Zeitalter Ludwigs XIV. in einen affektirt-theatralischen 
Manierismus umgeschlagen, kommt der Realismus in unserm Jahrhundert durch 
Johann Gottfried Schadow zu neuer Geltung, um durch den Meister der 
Königin Luise im Mausoleum zu Charlottenburg und der Reiterstatue des grossen 
Friedrich, durch Chri sti an Rauch, mit dem Idealismus zu innigster, schönster Gemein 
schaft verbunden, durch diesen wahrhaft geadelt zu werden. Schon beginnt in unsern 
Tagen dieser Bund sich wieder zu lösen, und wenn auch vereinzelt, erhebt sich doch wieder 
einseitiger Realismus so, dass man im Interesse der Kunst kein weiteres Fortschreiten 
auf dieser Bahn wünschen möchte. Denn Wahrheit — und nur Wahrheit — ist das 
Ziel der Wissenschaft, nicht der Kunst. Wie genaue und nüchterne, wenn auch ge 
reimte und hochtönende Landschafts-Schilderung keine Poesie, blosse Vedutenmalerei 
keine Kunst ist, so wird auch die Plastik, welche nur peinlichste und getreuste 
Wiedergabe der platten Wirklichkeit bis in alle Details hinein, Abdrücke der Wirk 
lichkeit, erstrebt, sich des Rechts berauben im Reich der bildenden Künste einen 
Platz zu haben. Das Ziel der Kunst ist Schönheit: sie soll Gebilde von einer 
höheren Wahrheit schaffen, sie soll auch im Portrait den Menschen aller nichtigen 
Zufälligkeiten und Kleinigkeiten entkleiden und nur das, was zur Ausprägung der 
in ihm lebenden und vom Künstler erfassten Idee wesentlich ist, gemäss den ihr 
gegebenen Gesetzen vorführen, sie soll den Menschen zum Ideal seiner selbst 
verklären 15 ). Der Kunst der Deutschen insbesondere, die man so oft ein ideali 
stisches Volk genannt hat und die wir uns auch, allen voran der Dichter der Iphigenie, 
den Griechen seelenverwandt fühlen, sollte dieser Charakter nie mehr fehlen. Möge 
aber auch das deutsche Volk selbst dafür sorgen, denn die Kunst folgt dem Geiste 
ihrer Zeit. Die deutschen Hochschulen insbesondere haben das grösste Interesse
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.