Full text: (Band XXVIII.)

Indessen scheint doch diese rein realistische Richtung auch in der Plastik viel 
weniger Glück gemacht zu haben als in der Münzstempelschneidekunst; die Sieger 
statuen wurden ohnehin seit Alexander dem Grossen seltener und kamen seit der Unter 
werfung Griechenlands unter römische Herrschaft allmählig ganz in Abnahme. Bei 
Männern mit vorwiegend geistiger Bedeutung scheint man der idealistisch-realistischen 
Auffassung auch ferner den Vorzug gegeben zu haben; ihr huldigt auch das jüngst 
zu Kleitor in Arkadien gefundene Reliefportrait des Staatsmannes und Geschichts 
schreibers Polybios, des Mannes, der es als seine Aufgabe betrachtete, den Ueber- 
gang des Griechentums in’s Römertum zu vermitteln. 
Um so mehr aber sagte die Erfindung des Lysistratos den Römern für ihre 
Ahnenbilder zu. Polybios war erstaunt über die alle Zufälligkeiten des Gesichts wieder 
gebenden Wachsmasken der römischen Adelsgeschlechter, welche in Schränkchen von der 
Form von Tempelchen an den Wänden aufgestellt waren. Und in der Tat gibt es wol 
nichts, was den römischen Realismus im Gegensatz zum griechischen Idealismus so vor 
Augen führt als das Begräbnis eines solchen vornehmen Römers, wie Polybios es be 
schreibt. An dem Tage wurden jene Wachsmasken aus ihren Tempelchen herabgeholt 
und Leuten umgegeben, welche mit dem Dargestellten hervorstechende Aehnlichkeit an 
Grösse und Aeussern hatten, auch die Amtstracht jener trugen; indem sie so im Wagen 
zuge einherfuhren und auf dem Markte, um die Leichenrede zu hören, sich auf elfen 
beinernen Sesseln niederliessen, war gleichsam das ganze Geschlecht versammelt, dem 
ihrer würdigen Nachkommen die letzte Ehre zu erweisen. 
Gleich wol wusste sich auch in Rom die idealere hellenistische Portaitauffassung 
neben der realistischen Geltung zu verschaffen, so besonders im letzten Jahrhundert 
der Republik, ja im goldnen Zeitalter der römischen Poesie, in welchem griechisches 
und römisches Wesen sich zu der Harmonie, welche überhaupt möglich war, durch 
drangen, trug sie über die realistische den Sieg davon. Den schönsten Ausdruck 
findet sie unter den erhabnen Werken gerade in der Statue des Mannes, welcher diese 
Blüte sah und zeitigen half, des Augustus von Porta Prima, im Motiv einer Um 
bildung des Polybios-Typus, und im Frauenportrait in den sitzenden Agr ip pine n, welche 
einfache Wiederholungen eines hellenistischen Typus sind. Ihr gehören auch an die 
Bildnisse des Antinoos, des Lieblings jenes Kaisers, welcher mit der Begeisterung 
des Romantikers für griechisches Wesen schwärmte. Nach Hadrian aber kommt 
die realistische Richtung zur Alleinherrschaft. Nachdem sie in dem erschreckend 
naturwahren Kopfe des furchtbaren Caracalla noch einmal gezeigt hat, was sie zu
	        
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