Full text: (Band XXVIII.)

jenes buckligen und überhaupt körperlich völlig verkommenen, geistig aber durchaus 
gesunden, feinsinnigen und gutmütigen Spitzkopfs mit den klugen Augen und milden 
Lippen, der zwar nicht in kunstvoller, aber doch Gross und Klein belehrender Form 
zu erzählen weiss, des Fabeldichters Aesop, dessen Bildnis ebenfalls Lysipp gemacht 
haben soll, und die Herme jenes Greises, der einst, wie der Held der Odyssee, von den 
Stürmen des Lebens bewegt, nun zu milder Ruhe gekommen, wol des äusseren Lichtes be 
raubt ist, dafür aber ganz in der Erinnerung an die Vergangenheit lebt und aus ihrer 
Tiefe liebliche Bilder hervorzaubert, des alten und doch ewig jungen Homer. 
Das in einzelnen der letztgenannten Werke, wie in der Statue des Demosthenes 
und der Herme Homers, hervortretende Streben nach Ausdruck seelischen Lebens be 
kundet deutlich den Einfluss, welchen die Malerei schon lange vorher auf ihre 
Schwesterkunst auszuüben begonnen hatte. Im Portrait wird er besonders in den 
Werken des Silanion von Athen hervorgetreten sein, dessen Statue des Bildhauers 
Apoll odor ein Bild selbstquälerischen und leidenschaftlichen Jähzorns genannt wird. 
Damit hatte sich die eigentlich griechische Portraitkunst nach allen Richtungen 
hin ausgelebt; einen Schritt weiter und sie ging über sich selbst hinaus : — m den reinen 
Realismus und Naturalismus. Auch dieser wurde getan: durch Lysi stratos, den 
Bruder Lysipps, welcher vom Gesicht des zu Portraitirenden eine Gypsform nahm, 
diese mit Wachs ausgoss und retouchirte. Wir kennen zwar kein Werk, welches als 
auf diese Weise entstanden bezeugt wäre, wol aber dürfen wir als dieser Richtung 
mindestens verwandt bezeichnen Köpfe wie den des sogen. Seneca, d. i. eines noch 
unbekannten, aber berühmten, etwas nervös und abgearbeitet, aber auch streitbar aus 
sehenden Gelehrten und Dichters alexandrinischer Zeit mit tiefliegenden forschenden 
Augen, starken Brauen, tiefen Falten auf Stirn und um die Schläfe, in die Stirn fallendem 
Haupthaar und ungeordnetem Barte. Ein Prachtstück dieser Richtung ist auch der 
unlängst in Olympia gefundene Broncekopf eines Faustkämpfers mit unedlen 
finstern Zügen, trotzig vorgeschobenem Untergesicht, breiter gekrümmter Nase, dick 
verschwollenen Ohren, wirrem, Stirn und Gesicht beschattenden Haupt- und Barthaar. 
Er wird einem Sieger angehören, der mindestens dreimal gesiegt und eben dafür 
der Sitte dieses Zeitalters gemäss 14 ) eine ikonische Statue erhalten hatte. Ein 
zweiter ebendaher stammender Marmor-Kopf eines P austkämpfers mit idealen, sogar 
etwas an den Hermes des Praxiteles anklingenden Formen ist wie kein zweiter 
geeignet neben jenen gehalten zu werden, um die Verschiedenheit der beiden I linzipien 
in der Portraitbildung mit einem Male vorzuführen.
	        
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