Full text: (Band XXVIII.)

yiflf 
■ : U i h- 
:->iv • 
TL 
i U 
den ersten tastenden Versuchen den Menschen zu bilden bis zu dieser Höhe war ein 
langer Weg. Lassen Sie uns denselben ein wenig an der Hand der Kunstwerke verfolgen 
und bei denen etwas länger verweilen, welche Ihnen allen bekannt sind, da sie in Ab 
güssen den Corridor des schönen Treppenhauses unserer Universität zieren oder sich 
im Museum im Schloss befinden oder vor der Kunsthalle aufgestellt sind. 
Der Drang Bilder von teuren Angehörigen zu machen scheint tief in der Seele 
des Menschen zu schlummern und findet seine Betätigung bereits, wenn die Hand 
desselben noch nichts von Kunstfertigkeit weiss. Dass es die Liebe sei, welche 
zuerst den Stift führt und die Züge des Geliebten wunderbar treffen lässt, ist der 
Gedanke einer griechischen Erzählung. Die Tochter eines Töpfers in Corinth machte 
am Abend, als ihr Geliebter Abschied nehmen kam, ehe er in die Welt zog, von 
seinem Gesicht beim Dämmerschein der Lampe einen Schattenriss an die Wand, um 
so sein Bild nicht nur im Sinn, sondern auch vor Augen zu haben, und dieser Riss 
ward so ähnlich, dass der Vater nichts besseres zu tun wusste als ihn mit Thon 
auszufüllen, abzulösen, im Töpferofen zu brennen und so als das erste Reliefportrait 
den staunenden Augen der Mit- und Nachwelt vorzuführen. Indessen wäre es vermessen 
und eitel an den Dichter so anmutiger Sage die Frage zu richten, wie die Herstellung 
dieses Portraits im einzelnen erfolgt sei. 
In einen ganz andern Gedankenkreis werden wir durch die ältesten auf dem 
Boden von Griechenland gefundenen Portraits versetzt: jene Masken von getriebenem 
Golde, welche die Gesichter von Leichen bedeckend in Gräbern der tiefsten Fund 
schicht auf der Burg von Mykenai von unserm Schliemann gefunden wurden. Gewis 
sollten diese Masken die Gesichter der Entschlafenen nicht nur bedecken, sondern auch 
möglichst treu wiedergeben, wenn wir sie auch nicht gerade für die Portraits von 
Agamemnon und den Seinen halten werden. Es ist zweifelhaft, ob die Dargestellten 
Griechen, sehr unwahrscheinlich, dass die Masken Erzeugnisse griechischer Goldschmiede 
seien. Sie zeigen nicht eine zwar noch kindlich befangene, aber aufstrebende Kunst 
entwicklung. Vieles weisst auf vorhellenische Bewohner des Landes und auf fremdländi 
schen Ursprung der Arbeiten hin. 
Von diesen sind völlig verschieden kleine Figürchen von Reitern, Kriegern, 
Wagenlenkern aus Thon oder Bronce von denkbar primitivster Technik, welche 
in den ältesten Stätten griechischer Kultur, z. B. auch in den tiefsten Fundschichten 
von Olympia, zusammen mit Bildchen von Pferden und Rindern, viel seltener zusammen 
mit Götteridolen gefunden werden.*) Da die Fundstätten einerseits Gräber, anderer-
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.