Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1881/82 (Band XXVIII.)

erfreuliches Zeichen gelten, dass Vereine, welche fachwissenschaftliche Zwecke verfolgen und geistige 
Förderung mit der Befriedigung des geselligen Triebes der Jugend in harmonischer Weise zu 
verknüpfen wissen, an unserer Universität gedeihen, Vereine von denen man sagen kann, dass ein 
frische: Geist sie durchweht. 
Freilich wenn es sich um die gesammte Haltung unsrer an Zahl und Selbstgefühl ge 
wachsenen akademischen Jugend handelt, wie sie im Interesse der Disciplin Gegenstand der 
fortgesetzten Aufmerksamkeit eines Rektors ist, so kann ich nicht ganz mit demselben ungemischten 
Gefühle der Befriedigung auf das Jahr meiner Amtsführung zurückblicken, wie es meinen nächsten 
Herren Vorgängern vergönnt war. Rektor und Senat haben sich in einigen Fällen genötigt 
gesehen mit schweren Strafen vorzugehen gegen Ausschreitungen, welche die akademische Discipiin 
ernstlich bedrohten. Ich bin weit davon entfernt, aus einzelnen bedauerlichen Vorfällen sofort 
verallgemeinernde Schlussfolgerungen ziehen zu wollen, ebenso entfernt davon, an die zahlreichen 
kleinen Verstösse gegen die öffentliche Ordnung einen rigoristischen Massstab anzulegen,. aber 
schon die ausserordentliche Vermehrung der Fälle letzterer Art, und dazu nun die schwerwiegende 
Bedeutung der wenigen aber ernsten Fälle nötigt doch zu ernstlicher Besinnung. Ich muss es hier 
aussprechen, und ich darf sagen, es treibt mich dazu eben die Liebe zur akademischen Jugend, 
mit welcher ich in diesem Jahre vielfach in näheren mich erfrischenden und erfreuenden Verkehr 
betreten bin- ich muss ihr Zurufen: videant consules — wobei ich also nicht Rektor und Senat 
o 
meine, welche ja ihre Pflicht nach wie vor zu tun haben und tun werden, sondern alle diejenigen 
aus den verschiedenen Kreisen und Vereinigungen unsrer akademischen Jugend selbst, welche durch 
Charakter und Tüchtigkeit ein willig zugestandenes Ansehen und damit die Möglichkeit eines nicht 
zu unterschätzenden Einflusses erlangt haben — ihnen rufe ich es zu: videant consules, ne quid 
respublica detrimenti capiat, und ich vertraue, dass dieses Wort eine gute Aufnahme finden wird 
bei allen denjenigen, welche mit einem frischen jugendlichen Herzen und einem idealen Sinn im 
akademischen Leben stehen, bei allen, denen es eine Herzensangelegenheit ist, dass das Niveau 
dieses akademischen Lebens nicht sinke sondern steige. 
Noch ist es nun meine Aufgabe über den Ausfall der Bewerbungen um die sogenannten 
neuschassischen Preise zu berichten. 
Die theologische Fakultät hatte gefordert »eine philologisch begründete, genaue Ueber- 
setzung des Abschnittes Exod c. 21 —23 und eine die festgesetzliche Doublette'in Exod. c 34, 
sowie die von Bertheau vertretene Behauptung dekadischer Ordnung der mosaischen Gesetze 
berücksichtigende neue Untersuchung über die Composition und Structur der hier vorliegenden 
Gesetzessammlung«. 
Unter dem Motto »Sinaisches Bundesbuch« ist eine Bearbeitung dieses Themas eingegangen. 
Die Fakultät erkennt gern den Fleiss des Verfassers, sowie dessen Geschick in der methodischen 
Anlage der Untersuchung an, nicht minder, dass ihm die Uebersetzung der Texte im Ganzen 
gelungen ist. Aber die positive und negative Beweisführung entbehrt der Gründlichkeit; wesent 
liche Stützpunkte der vom Verfasser vertretenen Ansicht sind nicht entwickelt, sondern stillschweigend 
als feststehend vorausgesetzt, und namentlich fehlen in der Abhandlung tiefere Merkmale einer 
hinlänglich selbstständigen Forschung.
	        

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