Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1875 (Band XXII.)

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um die Einlagerung' eines Exsudates in das alveolare Gewebe handelt sondern 
dass die Verdichtung lediglich die Folge vom Verschwinden der Luft aus den 
Alveolen ist. Diesen Zustand belegte er mit dem Namen der Atelectase, womit 
zuerst Jörg einen Zustand des Lungengewebes bezeichnete, wie er ihn oft in den 
Leichen bald nach der Geburt verstorbener Kinder als die Folge einer unvoll 
kommenen Entfaltung des Respirationsapparates fand. Traube zeigte durch seine 
Experimente, dass jener Zustand der Lungen jedesmal hergestellt werden konnte, 
wenn er Thieren den Bronchus mittelst eines Papierpfropfens verstopft hatte oder 
durch Eröffnung des Pleurasackes von aussen die Wirkung der Elasticität der 
Lungen unterstützte. So konnte er also an lebenden Thierlungen die Luft aus den 
Alveolen heraustreiben d. h, Collaps der Lungen künstlich hervorrufen. Diese Er 
scheinung führte ihn zu der Behauptung, dass Lungencollaps, wie er ihn so häufig 
im Verlaufe des Ileotyphus beobachtete, durch die combinirte Wirkung einer Ver 
stopfung der Bronchien durch katarrhalisches Sekret und einer Raumbeengung 
der Brusthöhle durch meteoristische Auftreibung des Unterleibes entstehen müsste. 
Dieser Behauptung gegenüber möchte ich im Folgenden nachzuweisen suchen, 
dass der Lungencollaps bei erwachsenen Menschen häufig auch ohne die Mitwirkung 
einer Bronchialerkrankung zu Stande kommt, lediglich durch die Elasticitätsver- 
hältnisse des Lungengewebes, und dass auch unter diesen Umständen einzelne 
Lungenläppchen in den collabirten Theilen Sitz einer entzündlichen Infiltration wer 
den können. In den tödtlich verlaufenden Fällen fanden sich dann bei der Section 
die hinteren Parthien des unteren Lappens einer oder beider Lungen an der Ober 
fläche und namentlich auch der untere Lungenrand luftleer, unter dem Niveau der 
benachbarten lufthaltigen Substanz, kurz im Zustande der Atelectase oder des 
Collapses. War dieser Collaps in grösserer Ausdehnung zu Stande gekommen, 
dann waren nicht nur die oberflächlichsten Schichten davon betroffen, sondern es 
fanden sich auch in der Regel zerstreute oder selbst zu grösseren Heerden ver 
einigte zellige Infiltrationen einzelner Lungenläppchen (lobuläre Pneumonienen). 
Schon bei Lebzeiten war eine solche Verminderung des Gesammtvolumens der 
Lungen durch die physikalische Untersuchung nachweisbar an dem Hochstande des 
Zwerchfelles und an der Retraction der vorderen Lungenränder vom Herzbeutel, 
so dass die Pulsationen der Lungenarterie im II., oder auch im I., linken Inter- 
costalraume deutlich sichtbar und in der Regel auch die durch den Schluss und die 
Spannung der Semilunarklappen dieser Arterie bewirkte Erschütterung deutlich fühl 
bar wurde; in einigen Fällen war sogar der vordere Rand der rechten Lunge 
soweit zurückgewichen, dass die Pulsationen der Aorta im II. rechten Intercostal- 
raume deutlich sicht- und fühlbar waren. Diese Veränderungen im Verhalten der 
Lungen, wie man sie ähnlich auch beim Masernkatarrh und bei der croupösen Kehlkopf 
stenose der Kinder beobachtet, sieht man in manchen Fällen von acuter allgemeiner 
Peritonitis sehr deutlich ausgesprochen; und auch in anderen Fällen von Peritonitis 
lassen sich nicht selten die Symptome der Lungenretraction, nämlich Hochstand des
	        
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